„Ich lebte mit einem Schmerz, den ich nicht benennen konnte. Mein Inneres sagte mir, dass etwas nicht stimmte. Ich habe das Gefühl, durch die absichtliche Trennung von meiner biologischen und meiner Geburtsmutter verletzt worden zu sein. Ein Baby lebt in einer Welt aus Geräuschen und Gefühlen. In dieser ersten Trennung verliert es alles. Das ist nichts Abstraktes – ich habe es selbst erlebt. Es mag mitfühlend erscheinen, aber es ist das Gegenteil. Es ist zutiefst egoistisch, einem Menschen so etwas anzutun. Viele von uns hassen unsere Geburtstage.“
„Ein durch Leihmutterschaft geborenes Kind zu sein, lässt mich fühlen wie ein Produkt – mit einem Vertrag und einem Zweck. Ich fühle mich maßgeschneidert. Es gibt kein Recht auf ein Kind.“
– Olivia Maurel, durch Leihmutterschaft in die Welt gekommen
Am 10.03.2026 lud ich zum Thema Leihmutterschaft und Menschenwürde ins Parlament. Leihmutterschaft entwickelt sich zu einem rasch wachsenden internationalen Geschäft. Vermittlungsagenturen, medizinische Dienstleister und Investoren haben einen Milliardenmarkt geschaffen – ein Geschäft mit Herzen und Seelen.
Kinder sind weder Rohstoff noch Ware. Kein Mensch darf „bestellt“ oder abgelehnt werden. Schwangerschaft und Geburt sind zutiefst menschliche Vorgänge und dürfen nicht zu einem Geschäftsmodell werden. Ein Markt für Babys ist kein Fortschritt, sondern stellt grundlegende Fragen an unser Verständnis von Menschenwürde.
Ein globaler Markt auf Kosten der Schwächsten
Die Realität der internationalen Leihmutterschaft zeigt deutliche soziale Ungleichgewichte. In vielen Fällen stammen Leihmütter aus wirtschaftlich schwachen Verhältnissen. Häufig nehmen Frauen diese Rolle an, um Schulden abzubezahlen oder ihre Familien zu versorgen. Die Nachfrage kommt dagegen überwiegend aus wohlhabenderen Ländern.
Berichte aus verschiedenen Regionen zeigen, dass Leihmütter während der Schwangerschaft strengen Regeln und Kontrollen unterliegen können – mit zahlreichen Einschränkungen ihres Alltags. Knebelverträge regeln medizinische Entscheidungen, Lebensweise oder Aufenthaltsorte der Frauen. Diese Abhängigkeiten werfen ernsthafte Fragen nach Ausbeutung und struktureller Ungleichheit auf.
Leihmutterschaft öffnet dem Missbrauch Tür und Tor, denn letztlich kann man sich je nach Reiseziel ohne soziale Prüfung und objektive Kriterien ein Kind „bestellen“. Sie bleibt zudem ein Angebot für Wohlhabende und verstärkt soziale Ungleichheiten, während zugleich ein gesellschaftlicher Druck entsteht, Schwangerschaft aus Karriere- oder Körpergründen zu vermeiden. Kinder drohen zu Wunschprodukten zu werden – „so hätte ich es gerne“. In extremen Fällen wird sogar von wohlhabenden Männern berichtet, die sich eine ganze Dynastie von Kindern wünschen, die anschließend von Nannies aufgezogen werden. Zugleich zeigt die Praxis, dass behinderte Kinder nicht selten zurückgelassen werden – wie etwa der bekannte Fall von „Gammy“ oder Berichte über Ärzte, die sich in Ländern wie Georgien um zurückgelassene Kinder kümmern. Auch verschieben sich durch Leihmutterschaft die Altersgrenzen für Elternschaft immer weiter. Vor allem aber wirft sie grundlegende Fragen nach Bindung und Würde auf: Die Trennung unmittelbar nach der Geburt kann sowohl für Mutter als auch für das Kind eine tiefe Verletzung bedeuten – ein Baby verliert die vertraute Stimme, den Herzschlag und die Nähe der Frau, die es getragen hat. Angesichts dieser Risiken und Entwicklungen braucht es klare Grenzen – langfristig sogar ein weltweites Verbot, für das sich auch Österreich einsetzen sollte.
Impuls von Olivia Maurel
Besonders eindrucksvoll war der Impuls von Olivia Maurel, die selbst durch Leihmutterschaft geboren wurde und sich heute international gegen diese Praxis engagiert. Sie schilderte ihre Ringen über Fragen der Identität, der Herkunft und der Beziehung zur Frau, die sie ausgetragen hat und jener, die sie aufzog.
„Ein durch Leihmutterschaft geborenes Kind zu sein, lässt mich fühlen wie ein Produkt – mit einem Vertrag und einem Zweck. Ich fühle mich maßgeschneidert. Es gibt kein Recht auf ein Kind.”
Schon als Kind bemerkte sie Unterschiede zu ihrer Familie. Sie sah ihrer Mutter äußerlich kaum ähnlich und stellte früh Fragen nach ihrer Herkunft. „Kinder sind natürliche Detektive“, sagte sie. „Sie merken, wenn etwas nicht zusammenpasst.“
„Ich lebte mit einem Schmerz, den ich nicht benennen konnte. Mein Inneres sagte mir, dass etwas nicht stimmte. Ich habe das Gefühl, durch die absichtliche Trennung von meiner biologischen und meiner Geburtsmutter verletzt worden zu sein. Ein Baby lebt in einer Welt aus Geräuschen und Gefühlen. In dieser ersten Trennung verliert es alles. Das ist nichts Abstraktes – ich habe es selbst erlebt. Es mag mitfühlend erscheinen, aber es ist das Gegenteil. Es ist zutiefst egoistisch, einem Menschen so etwas anzutun. Viele von uns hassen unsere Geburtstage.“
In der Jugend wurde die Suche nach ihrer eigenen Identität immer stärker. Im Alter von 17 Jahren begann sie selbst zu recherchieren und stieß erstmals auf den Begriff Leihmutterschaft. Sie spürte, dass die Frau, die sie neun Monate lang getragen hatte, nicht die Frau war, die sie aufgezogen hatte, und dass sie mit der Frau, die sie für ihre Mutter hielt, genetisch nicht verwandt war.
Viele Jahre später wurde ihr Gefühl durch einen DNA-Test bestätigt. Sie fand ihre leibliche Mutter und sagt heute: “Wissen ist der Anfang der Heilung”. Ihr Beitrag machte deutlich, dass die Diskussion über Leihmutterschaft nicht nur rechtliche oder wirtschaftliche Aspekte betrifft, sondern vor allem das Leben und die Erfahrungen der Kinder selbst.
In der Diskussion sprachen Olivia Maurel, Faika El-Nagashi (eh. Abg. z. NR, Direktorin des Athena Forum) mit dem Publikum, moderiert von mir als Einladender. Damit kommen folgende Kritikpunkte der Leihmutterschaft zur Sprache:
Zugang nur für Wohlhabende:
Die hohen Kosten führen dazu, dass Leihmutterschaft praktisch nur für wohlhabende Auftraggeber zugänglich ist.
Ausbeutung von Armut:
Leihmütter sind meist arm und auf das Geld angewiesen. Leihmutterschaftstourismus verläuft meist von reicheren in ärmere Länder.
Ausbeutung von Frauen:
Leihmütter werden teils sklavisch gehalten – siehe Kreta im August 2023 und viele andere Berichte.
Kommerzialisierung der Fortpflanzung:
In einigen Fällen werden genetische Merkmale, Talente oder Geschlechter nach Wunsch ausgewählt. Kritiker warnen, dass dadurch ein Markt für „Wunschkinder“ entsteht.
Zurückgelassene Kinder:
Ärzte und Hilfsorganisationen berichten immer wieder von Fällen, in denen Kinder – insbesondere wenn sie krank oder behindert geboren werden – nicht von den Auftraggebern angenommen werden. Das Kind wird zu einem Produkt, dass abgelehnt werden kann. Siehe Baby Gammy in Thailand.
Bindung zwischen Mutter und Kind:
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Bindung bereits während der Schwangerschaft aufgebaut wird. Ein ungeborenes Kind erkennt Stimmen, Herzschlag und Bewegungen der Mutter. Die unmittelbare Trennung nach der Geburt stellt daher für das Kind und wahrscheinlich auch die Leihmutter eine erhebliche Belastung dar.
Missbrauchsrisiken:
Internationale Fälle zeigen, dass Kinder gekauft werden und dann nirgends registriert werden. Interpol sucht sie. Man will sich nicht vorstellen, was hier passieren kann.
Leihmutterschaft macht Eugenik wieder hoffähig:
Eine chinesischer Milliardär hat über 100 Kinder mit Leihmüttern und Nannies – um ein Imperium aufzubauen. Der Eizellkauf von Models mit Uni-Abschluss boomt. Kinder mit Behinderungen werden aussortiert.
Fehlendes Screening:
In einem Adoptionsverfahren werden die Eltern sorgfältig geprüft und ausgewählt. Bei der Leihmutterschaft kann dagegen grundsätzlich jeder ein Kind bekommen.
Eine ungewöhnlich breite Kritik:
Bemerkenswert ist, dass Kritik an der Leihmutterschaft aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Richtungen kommt. Feministische Gruppen, Teile der LGBT-Community, christliche Organisationen sowie politische Akteure aus verschiedenen ideologischen Lagern äußern ähnliche Bedenken.
Diese ungewöhnliche Allianz zeigt, dass es bei der Debatte nicht nur um individuelle Lebensentwürfe geht, sondern um grundlegende Fragen unserer Gesellschaft: Welche Grenzen setzen wir dem Markt, wenn es um menschliches Leben geht?
Auch die Frage, ob zwischen kommerzieller und sogenannter „altruistischer“ Leihmutterschaft unterschieden werden kann, wurde mit demPublikum diskutiert. Ein klares Nein kam von den Referentinnen: Aus der Sicht der Kinder ist es das gleiche Unrecht.
Schlussfolgerung
Die Debatte über Leihmutterschaft berührt grundlegende Fragen: die Würde des Menschen, den Schutz von Kindern und die Verantwortung gegenüber Frauen in wirtschaftlich schwierigen Situationen. Kein Mensch ist ein Produkt. Kinder sind keine Ware, die bestellt oder zurückgewiesen werden kann.
Gerade deshalb braucht es eine klare internationale Rechtsordnung, die Leihmutterschaft verbietet und die Rechte von Kindern und Frauen schützt. Der Menschenwürde darf auch im Zeitalter neuer reproduktionsmedizinischer Möglichkeiten nicht relativiert werden.
Es war Faika El-Nagashi und mir eine Ehre, vor Publikum die Casablanca Declaration zu unterzeichnen.
Der mutigen Olivia Maurel wünschen wir alles Gute für ihre so wichtige und bewusstseinsbildende Arbeit für die Casablanca Declaration auf der ganzen Welt. Denn so wie sie selbst sagt: “Ich habe mich entschieden, öffentlich zu sprechen, weil Schweigen Unrecht weiterbestehen lässt.”














