Am Sonntag Nachmittag trafen wir uns mit ca. 15 NGOs. Folgende Gedanken habe ich dabei notiert:
Eine junge, christliche Anwältin, die selbst Opfer geworden ist und heute mit betroffenen Mädchen arbeitet, die entführt und jahrelang als Sexsklavinnen gehalten wurden, erzählt:
„Vor zehn Monaten wurde mein Vater ermordet und meine Tante entführt. Meine Mutter hat den Angriff mit schweren Verletzungen und komplizierten Brüchen überlebt.
Wir wissen, wer die Täter sind – zum Teil kannten wir sie aus den Nachbarorten. Dennoch werden sie nicht zur Verantwortung gezogen. Wir haben Polizei und Militär um Hilfe gerufen, aber sie kamen viel zu spät. Als Begründung hieß es, es habe nicht genügend Benzin gegeben. Ich weiß jedoch, dass das nicht stimmt.“
Über ihre Arbeit berichtet sie außerdem:
„Ich arbeite mit Mädchen, die Überlebende solcher Gewalt sind. Eine von ihnen wurde mit neun Jahren entführt und kehrte erst mit siebzehn zurück – mit einem Kind. Sie sagte, dass sie erst nach ihrer Rückkehr zum ersten Mal weinen konnte.
Sie wurde gemeinsam mit anderen Mädchen entführt. Man fragte sie, wer Christin sei. Als sie sich dazu bekannte, wurde sie versklavt. Das ist ein Beleg dafür, dass es sich in vielen Fällen tatsächlich um gezielte Angriffe auf Christen handelt.
Es sind die Kirchen, die brennen. Es sind Christinnen, die als Witwen traumatisiert um Hilfe bitten.“
Eine engagierte Frau, die versucht als Christin zu helfen, erzählte mir:
„Ich habe dutzende Kinder großgezogen. Darunter sind auch Zwillinge, die traditionell nach der Geburt getötet werden, weil man glaubt, sie seien von gefährlichen Geistern besessen. Bezeichnenderweise gibt es in meiner Generation überhaupt keine Zwillinge.
Oder, wenn bei der Geburt eines Babys die Mutter stirbt, wird das lebende Kind oft mit ihr begraben. Manchmal nimmt jedoch jemand das Kind an sich und läuft mit ihm weg. Dann kommt es zu mir oder zu einem befreundeten Pastor, und wir ziehen es auf. Der Pastor hat schon 200 Kinder großgezogen!
Ein muslimisches Kind bleibt bei uns auch muslimisch. Es geht nicht um Religion, sondern um Menschlichkeit. Wir Frauen denken nicht in Stämmen oder Religionen – wir denken an die Menschlichkeit. Dennoch sind wir in der Politik kaum repräsentiert.“
- die Gewalt beenden
- gesellschaftliche Spaltungen überwinden und Brücken bauen
- über Menschenrechte aufklären
- gemeinsam an den großen Herausforderungen arbeiten
- Wissen und Fähigkeiten in aktuellen Fragen stärken
- ihre Prioritäten selbst festlegen können – unabhängig von internationalen Geldgebern
- Frauen sowohl als Opfer als auch als Teil der Lösung sehen
- die Armut bekämpfen, die rund 139 Millionen Nigerianer betrifft
- wirksame Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit entwickeln und
- endlich Wege gegen das Wegschauen der Polizei sowie gegen die Straflosigkeit zu finden.
- „Wir können viele unserer Probleme lösen, aber ohne Sicherheit geht gar nichts. Dafür brauchen wir Unterstützung.“
- „Die Politik muss den Worten Taten folgen lassen. Es genügt nicht, Gewalt zu verurteilen – es müssen wirksame Wege für kollektive Sicherheit gefunden werden.“
- „Wir brauchen ein stärkeres internationales Bewusstsein für die Gewalt in Nigeria. Internationale Aufmerksamkeit hilft uns.“
- „Bildung für alle ist eine Sicherheitsstrategie!“
In meiner Rede sagte ich:
Wie in einem Event, das ich am 5. März im Parlament veranstaltet habe, wird aus den Berichten der NGOs deutlich, dass Frauen Verfolgung anders erleben und häufig doppelt diskriminiert werden – aufgrund ihrer Religion und ihres Geschlechts.
NGOs arbeiten direkt mit den Menschen vor Ort und erkennen systemische Probleme oft schneller. Deshalb ist ein enger Austausch zwischen Zivilgesellschaft und Politik von großer Bedeutung.
Brücken lassen sich am besten über Weltanschauungen hinweg bauen, wenn man gemeinsam an Themen arbeitet, die alle betreffen. Es ist unerlässlich, dass sowohl neben den christlich inspirierten NGOs auch die muslimischen die Gewaltverbrechen klar verurteilen – auch dann, wenn sie gegen Menschen der anderen Religion gerichtet sind.
„Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“ So verändert ihre Arbeit die Welt – ein gerettetes Leben nach dem anderen.
Faktensuche:
Es gibt in Europa eine Diskussion darüber, ob es sich in Nigeria tatsächlich um Christenverfolgung handelt oder vielmehr um Verteilungskonflikte. Das ist eine der zentralen Fragen, die uns hier beschäftigen. Dazu haben wir folgende wichtige Informationen gesammelt:
1) Christen stellen einen überproportionalen Anteil der Opfer – etwa drei Viertel. Ja, es gibt auch muslimische Opfer, und zwar aus verschiedenen Gründen: Es bestehen ethnische Konflikte zwischen unterschiedlichen Volksgruppen. Zudem werden einzelne Gruppen – etwa im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen wie dem Abbau seltener Rohstoffe – aus ihren Dörfern vertrieben. Darüber hinaus werden moderate Muslime von radikalen Islamisten angegriffen, weil sie deren gewalttätige Ideologie ablehnen.
2) Unter den Tätern finden sich nach Einschätzung der von uns befragten NGO-Leiter fast ausschließlich Muslime („mindestens 95 %“). Ein christliches Pendant zu Gruppen wie Boko Haram existiert nicht. Es sind keine Fälle bekannt, wo Christen Mädchen entführen und als Sexsklavinnen gefangen halten.
3) In seltenen Fällen kommt es auch zu Übergriffen von Christen auf muslimischen Besitz – meist aus Verzweiflung, weil sie nach brutalen Angriffen auf ihre Familien und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen keine Gerechtigkeit erfahren. Dabei richtet sich die Gewalt in der Regel gegen Eigentum, nicht gegen Menschenleben.
4) Die NGO-Leiter berichteten zudem von einem weltweit „globalen Jihadismus“, der sich derzeit in Nigeria besonders brutal manifestiert.
5) Das schließt jedoch nicht aus, dass Gewalt auch andere Ursachen hat – etwa ethnische Spannungen oder Konflikte um landwirtschaftliche Flächen. Insbesondere werden hier häufig die Fulani-Herdsmen genannt.
6) Die Eskalation der Gewalt in den letzten Jahren hat auch historische Ursachen: Die britische Kolonialherrschaft hat strukturelle Probleme hinterlassen, unter anderem durch die indirekte Verwaltung des Nordens. In Verbindung mit wachsender Trockenheit, mangelnder Bildung und einer hohen Verfügbarkeit von Waffen hat sich dort eine Logik entwickelt, die im Süden des Landes oft nur schwer nachvollzogen werden kann. Wer diese Zusammenhänge öffentlich anspricht, setzt sich selbst großen Risiken aus: Viele werden bedroht, manche sogar ermordet.
Was also tun? Derzeitiger Stand der Überlegungen:
Es braucht Sicherheitszonen rund um besonders gefährdete Dörfer und Regionen. Westliche Länder können hier durch Finanzierung, Ausbildung und Ausstattung unterstützen.
Bildung, Bildung, Bildung: Nur so wird es möglich, Menschenrechte zu achten und in der kommenden Generation ein tolerantes und friedliches Zusammenleben zu fördern.
Besonders wichtig ist Bildung für junge Fulani-Hirten, damit sie Perspektiven außerhalb von Gewalt entwickeln, moderne Landwirtschaft erlernen und aus der Gewaltspirale ausbrechen können.
Nigeria wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen: Jährlich werden dort mehr Kinder geboren als in Europa und den USA zusammen. Wir dürfen dieses Land nicht sich selbst überlassen. Wir wollen keinen Migrations-Exodus, sondern dazu beitragen, dass Menschen – insbesondere Christen – in Nigeria frei und sicher leben können.




