Die wichtigsten Aussagen der Geopolitik-Expertin Velina Tchakarova am 12. Jänner 2026 auf der IUFE-Dialogveranstaltung:
Die Weltbevölkerung entwickelt sich regional sehr unterschiedlich. Demografisches Gewicht verschiebt geopolitisches Gewicht – weg von Europa. Entsprechend wird ein Aufstieg von Mittelmächten erwartet.
Die Weltbevölkerung wächst weiter, mindestens bis 2050. Zugleich wird erwartet, dass sich das Wachstum bis dahin abschwächt und sich die globale Geburtenrate in Richtung des Bestandserhaltungsniveaus von etwa 2,1 Kindern pro Frau bewegt. Die Weltbevölkerung altert jedoch bereits jetzt.
Um 2025 wird Asien weiterhin den größten Bevölkerungsanteil stellen (rund 54 %), während sich Afrikas Bevölkerung auf etwa 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln wird. Vor allem Subsahara-Afrika weist sehr hohe Geburtenraten auf und wird bis 2050 um rund zwei Drittel wachsen. Indien hat China bereits als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholt. Nigeria wird bis 2050 voraussichtlich die USA als drittbevölkerungsreichstes Land ablösen. Das Medianalter liegt in Afrika bei etwa 19 Jahren, in Europa bei rund 43 Jahren. Solche Entwicklungen verschieben zwangsläufig auch internationale Machtverhältnisse.
Europa ist die einzige Weltregion, für die die UNO einen absoluten Bevölkerungsrückgang vorhersagt – bereits ab etwa 2030 –, bedingt durch die seit den 1970er-Jahren sehr niedrigen Geburtenraten. Der Anteil Europas an der Weltbevölkerung, der 1950 noch 20% betrug, wird bis 2050 auf 7% fallen. Europa wird abhängig von Zuwanderung; wird systemisch geschwächt, Europa spielt weltweit dadurch eine deutlich kleinere Rolle. Um so mehr müssen wir zusammenarbeiten als EU. Alterung erzeugt strategische Passivität – Reformstaus und Verteidigungsdefizite entstehen; Sicherheit, Sozialstandards, Industrie und Einfluss in der Welt sind ohne demografische Basis nicht nachhaltig. Global governance, europäische „Soft Power“ und europäische Werte werden dadurch geschwächt. Zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden entsteht eine „Hard Power Competition“. Der Multilateralismus ändert sich – wer ist Mitglied im UNO-Sicherheitsrat, wer sitzt am Tisch der G7 oder G20?
Migration ist ein weiterer wichtiger Faktor der demografischen Entwicklung. Weltweit leben rund 281 Millionen Menschen außerhalb ihres Geburtslandes, das entspricht etwa 3,6 % der Weltbevölkerung. Rund 2,4 Millionen Menschen wandern jährlich von Entwicklungs- in Industrieländer. In etwa 50 Ländern wird versucht, durch Migration niedrige Geburtenraten zumindest teilweise auszugleichen.
Demografische Trends führen auch zu wirtschaftlichen Machtverschiebungen: Länder mit einer großen Erwerbsbevölkerung werden tendenziell ökonomisch aufsteigen, etwa Indien, Indonesien, Pakistan, Ägypten oder Nigeria. Die traditionellen „drei Pole“ – USA, Europa und Japan – werden vor allem aus demografischen Gründen langfristig von anderen Ländern ergänzt oder teilweise abgelöst werden.
Heute haben wir die höchste Zahl an internationalen Konflikten seit dem 2. Weltkrieg. Auch sicherheitspolitisch ist es entscheidend, mitzudenken, dass demografische Entwicklungen die Rahmenbedingungen verändern, unter denen Frieden gesichert oder Konflikte begünstigt werden.
Demografie allein ist kein Schicksal – wenn man es schafft, die Entwicklungen politisch zu gestalten – so Velina Tchakarova.
Das ist eine große aber stemmbare Aufgabe – wir müssen sie angehen! Als Präsidentin des IUFE freue ich mich sehr über diese wichtige Veranstaltung und danke Generalsekretärin Abg. z. LT Caroline Hungerländer für die Organisation.
Weiter Informationen zur Arbeit und Events von IUFE finden Sie hier: Das Institut – Institut für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE)



