Faktensuche in Abuja (Tag 2, Gespräche mit NGOs): Am Sonntag Nachmittag trafen wir rund 15 NGOs. Folgende Gedanken habe ich dabei notiert:
Eine junge, christliche Anwältin, die selbst Opfer geworden ist und heute mit betroffenen Mädchen arbeitet, die entführt und jahrelang als Sexsklavinnen gehalten wurden, erzählt:
„Vor zehn Monaten wurde mein Vater ermordet und meine Tante entführt. Meine Mutter hat den Angriff mit schweren Verletzungen und komplizierten Brüchen überlebt. Wir wissen, wer die Täter sind – zum Teil kannten wir sie aus den Nachbarorten. Dennoch werden sie nicht zur Verantwortung gezogen. Wir haben Polizei und Militär um Hilfe gerufen, aber sie kamen viel zu spät. Als Begründung hieß es, es habe nicht genügend Benzin gegeben. Ich weiß jedoch, dass das nicht stimmt.“
Über ihre Arbeit berichtet sie außerdem: „Ich arbeite mit Mädchen, die Überlebende solcher Gewalt sind. Eine von ihnen wurde mit neun Jahren entführt und kehrte erst mit siebzehn zurück – mit einem Kind. Sie sagte, dass sie erst nach ihrer Rückkehr zum ersten Mal weinen konnte. Sie wurde gemeinsam mit anderen Mädchen entführt. Man fragte sie, wer Christin sei. Als sie sich dazu bekannte, wurde sie versklavt. Das ist ein Beleg dafür, dass es sich in vielen Fällen tatsächlich um gezielte Angriffe auf Christen handelt. Es sind die Kirchen, die brennen. Es sind Christinnen, die als Witwen traumatisiert um Hilfe bitten.“
Faktensuche – Warum wir in Nigeria von Christenverfolgung sprechen
Christen werden in Nigeria verfolgt. Gleichzeitig ist dies nicht die einzige Form von Gewalt und Übergriffen in diesem großen und komplexen Land. Dieser Umstand verwirrt oft außenstehende Beobachter und verleitet insbesondere europäische linksgerichtete und liberale Politiker dazu, zu behaupten, es gebe in Nigeria keine gezielte Christenverfolgung, sondern ausschließlich Verteilungskonflikte. Genau diese Frage stand im Zentrum unseres viertägigen Besuches und der darauffolgenden Analyse. Dazu habe ich folgende wesentliche Argumentation zusammengestellt:
1) Christen stellen einen überproportional hohen Anteil der Opfer von Gewalt dar.
Zugleich gibt es auch muslimische Opfer – aus unterschiedlichen Gründen:
Es bestehen ethnische Konflikte zwischen verschiedenen Volksgruppen. Zudem werden einzelne Gemeinschaften, etwa im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen wie dem Abbau seltener Rohstoffe, aus ihren Dörfern vertrieben; dabei spielt leider auch China eine negative Rolle. Darüber hinaus geraten moderate Muslime ins Visier radikaler Islamisten, weil sie deren Ideologie ablehnen.
Kurz gesagt: Christen werden in Nigeria verfolgt – die Gewalt im Land geht jedoch nicht ausschließlich auf diese Form zurück.
2) Unter den Tätern finden sich nach Einschätzung der von uns befragten Experten nahezu ausschließlich Muslime.
Ein christliches Pendant zu Gruppen wie Boko Haram existiert nicht. Es sind keine Fälle bekannt, in denen Christen Mädchen entführen und als Sexsklavinnen gefangen halten.
Kurz gesagt: Christen begehen keine Übergriffe im Namen ihrer Religion und rechtfertigen solche auch nicht religiös. Zwar mag die Beteiligung an extremistischen Gruppen oft auch wirtschaftliche Ursachen haben – doch Armut betrifft Christen ebenso, ohne dass daraus vergleichbare Gewalt hervorgeht.
3) In seltenen Fällen kommt es auch zu Übergriffen, insbesondere durch junge christliche Männer, auf Eigentum muslimischer Angreifer.
Diese erfolgen meist nach brutalen Angriffen auf ihre Familien und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen – häufig in Situationen, in denen staatliche Sicherheitskräfte nicht eingreifen und die Täter straflos bleiben. Die Gewalt richtet sich dabei überwiegend gegen Eigentum, nicht gegen Menschenleben. Die Grundhaltung der großen Mehrheit der Christen entspricht biblischen Prinzipien wie: „die Vergeltung ist des Herrn“ und „halte auch die andere Wange hin“.
Internationale Berichte weisen darauf hin, dass der mangelnde Willen oder die mangelnde Fähigkeit staatlicher Behörden, zeitgerecht einzuschreiten sowie die Täter festzunehmen und zur Rechenschaft zu ziehen, einerseits die Angreifer ermutigt und andererseits die Opfer zu Selbsthilfe und Vergeltung treibt – wodurch sich der Kreislauf der Gewalt weiter verstärkt. Bereits 2018 warf die katholische Bischofskonferenz der Regierung „doppelte Standards“ in Bezug auf Christen und Muslime im Umgang mit der Krise vor.
4) Christenfeindliche Indizien: In offiziellen Berichten über gewalttätige Vorfälle finden sich wiederholt Hinweise wie: „Die Angriffe zerstörten alle Kirchen, während die Moschee unversehrt blieb.“ … „Es wurde von Haus zu Haus gegangen, Christen wurden getötet und ihre Häuser niedergebrannt; muslimische Bewohner blieben verschont.“ … „Alle Häuser und Fahrzeuge von Christen wurden zerstört.“
Kurz gesagt: Befragt man die Betroffenen, fällt die Antwort eindeutig aus: Christenverfolgung findet statt. Wer dies öffentlich anspricht, setzt sich aber selbst erheblichen Risiken aus.
5) Die von uns befragten NGO-Leiter und Experten berichten zudem von einem globalen jihadistischen Kontext, der sich derzeit in Nigeria besonders brutal manifestiert. Dies schließt jedoch andere Ursachen von Gewalt nicht aus, etwa ethnische Spannungen oder Konflikte um landwirtschaftliche Flächen. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die Fulani-Hirten zu nennen.
6) Die Eskalation der Gewalt in den vergangenen Jahren hat auch historische Ursachen.
Die britische Kolonialherrschaft hat strukturelle Probleme hinterlassen, die auch die Unterschiede zwischen Norden, Süden und Middle Belt erklären. In Verbindung mit anderen Geistestraditionen zunehmender Trockenheit, mangelnder Bildung und einer hohen Verfügbarkeit von Waffen hat sich im Norden eine Dynamik entwickelt, die im Süden des Landes oft nur schwer nachvollzogen werden kann, wo die Übergriffe anders aussehen.
7) Seit den frühen 2000er-Jahren wenden zwölf Bundesstaaten im Norden Nigerias die Scharia an. Es kam zu einzelnen Fällen von Repression, etwa wegen Apostasie oder angeblicher Beleidigung des Propheten, die meist erst nach Jahren der Haft aufgehoben wurden. Systematische Diskriminierungen von Christen, wie etwa beim Zugang zu Land für Kirchen oder zu politischen Ämtern, sind dort zu beobachten.
Was also tun? Mein derzeitiger Stand der Überlegungen:
- Es braucht eine Dezentralisierung der Polizei für schnelleres Eingreifen, sowie Sicherheitszonen rund um besonders gefährdete Dörfer und Regionen. Westliche Länder können hier durch Finanzierung, Ausbildung und Ausstattung unterstützen.
- Es braucht ein funktionierendes Justizsystem, damit es nicht bei Straflosigkeit bleibt, die die Gewalt perpetuiert. Wir unterstützen dies gerne durch Trainings und Zusammenarbeit im Aufbau effizienter Strukturen.
- Bildung, Bildung, Bildung: Nur so wird es möglich, dass Menschenrechte geachtet werden und die kommenden Generationen tolerant und friedlich zusammen leben.
- Besonders wichtig ist praktische Ausbildung für junge Fulani-Hirten, damit sie Perspektiven außerhalb von Gewalt entwickeln, moderne Landwirtschaft erlernen und aus der Gewaltspirale ausbrechen können.
- Zentral ist zudem die Einrichtung von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen (Truth and Reconciliation Commissions), um vergangenes Unrecht aufzuarbeiten und gesellschaftliche Heilung zu ermöglichen.
Nigeria wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen: Jährlich werden dort mehr Kinder geboren als in Europa und den USA zusammen. Wir dürfen dieses Land nicht sich selbst überlassen. Wir wollen keinen Migrations-Exodus, sondern dazu beitragen, dass Menschen – insbesondere Christen – in Nigeria frei und sicher leben können.
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Eine engagierte Frau, die versucht als Christin zu helfen, erzählte mir:
„Ich habe dutzende Kinder großgezogen. Darunter sind auch Zwillinge, die traditionell nach der Geburt getötet werden, weil man glaubt, sie seien von gefährlichen Geistern besessen. Bezeichnenderweise gibt es in meiner Generation überhaupt keine Zwillinge.
Oder, wenn bei der Geburt eines Babys die Mutter stirbt, wird das lebende Kind oft mit ihr begraben. Manchmal nimmt jedoch jemand das Kind an sich und läuft mit ihm weg. Dann kommt es zu mir oder zu einem befreundeten Pastor, und wir ziehen es auf. Der Pastor hat schon 200 Kinder großgezogen!
Ein muslimisches Kind bleibt bei uns auch muslimisch. Es geht nicht um Religion, sondern um Menschlichkeit. Wir Frauen denken nicht in Stämmen oder Religionen – wir denken an die Menschlichkeit. Dennoch sind wir in der Politik kaum repräsentiert.“
- die Gewalt beenden,
- gesellschaftliche Spaltungen überwinden und Brücken bauen,
- über Menschenrechte aufklären,
- gemeinsam an den großen Herausforderungen arbeiten,
- Wissen und Fähigkeiten in aktuellen Fragen stärken,
- ihre Prioritäten selbst festlegen können – unabhängig von internationalen Geldgebern,
- Frauen sowohl als Opfer als auch als Teil der Lösung sehen,
- den Hunger bekämpfen, der mehr als 30 Millionen Nigerianer betrifft,
- wirksame Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit entwickeln und
- endlich Wege gegen das Wegschauen der Polizei sowie gegen die Straflosigkeit zu finden.
- „Wir können viele unserer Probleme lösen, aber ohne Sicherheit geht gar nichts. Dafür brauchen wir Unterstützung.“
- „Die Politik muss den Worten Taten folgen lassen. Es genügt nicht, Gewalt zu verurteilen – es müssen wirksame Wege für kollektive Sicherheit gefunden werden.“
- „Wir brauchen ein stärkeres internationales Bewusstsein für die Gewalt in Nigeria. Internationale Aufmerksamkeit hilft uns.“
- „Bildung für alle ist eine Sicherheitsstrategie!“
In meiner Rede sagte ich:
Wie in einem Event, das ich am 5. März im Parlament veranstaltet habe, wird aus den Berichten der NGOs deutlich, dass Frauen Verfolgung anders erleben und häufig doppelt diskriminiert werden – aufgrund ihrer Religion und ihres Geschlechts.
NGOs arbeiten direkt mit den Menschen vor Ort und erkennen systemische Probleme oft schneller. Deshalb ist ein enger Austausch zwischen Zivilgesellschaft und Politik von großer Bedeutung.
Brücken lassen sich am besten über Weltanschauungen hinweg bauen, wenn man gemeinsam an Themen arbeitet, die alle betreffen. Es ist unerlässlich, dass sowohl neben den christlich inspirierten NGOs auch die muslimischen die Gewaltverbrechen klar verurteilen – auch dann, wenn sie gegen Menschen der anderen Religion gerichtet sind.
„Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“ So verändert eure Arbeit die Welt – ein gerettetes Leben nach dem anderen!




