Gehört werden: Frauen aus religiösen Minderheiten
6. März 2026
0

Am 5. März 2026 – drei Tage vor dem Internationalen Frauentag – veranstaltete ich in Kooperation mit Missio und dem ÖVP-Parlamentsklub im österreichischen Parlament einen Abend zum Thema „Frauen aus religiösen Minderheiten“. Der Abend verband persönliche Erfahrungsberichte, wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Verantwortung. Expertinnen, Betroffene sowie Vertreterinnen aus Kirche und Zivilgesellschaft diskutierten darüber, welchen besonderen Formen von Diskriminierung Frauen ausgesetzt sind, wenn sie gleichzeitig Frauen und Angehörige einer religiösen Minderheit sind.

Als Veranstalterin betonte ich, dass Frauen in vielen Regionen der Welt eine mehrfache Diskriminierung erleben – aufgrund ihres Geschlechts und ihrer religiösen Zugehörigkeit. Gerade in Regionen mit politischer Instabilität, religiöser Verfolgung oder gesellschaftlicher Polarisierung sind sie besonders verletzlich. Gleichzeitig tragen Frauen wesentlich zur Stabilität ihrer Familien und Gemeinschaften bei und spielen eine entscheidende Rolle für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Geschlechtsspezifische Aspekte der Religionsfreiheit

Die Keynote hielt Kate Ward, Gründerin der Initiative „Gender and Religious Freedom“. Sie präsentierte Forschungsergebnisse zur geschlechtsspezifischen religiösen Verfolgung. Lange Zeit sei das Zusammenspiel von Religionsfreiheit und Geschlechterdiskriminierung kaum untersucht worden. Studien zeigen jedoch, dass Frauen aus religiösen Minderheiten häufig unsichtbare Opfer sind.

Während Männer häufiger physischer Gewalt ausgesetzt sind, erleben Frauen besonders oft:

  • ⁠ ⁠Zwangsheirat
  • ⁠ ⁠Entführungen
  • ⁠ ⁠sexuelle Gewalt
  • ⁠ ⁠psychischen Druck und gesellschaftliche Beschämung

Nicht vergessen darf man außerdem die Situation von überlebenden Frauen von Gewalt, traumatisiert, vielleicht als Witwe und Alleinerzieherin in wirtschaftlich schwieriger Lage. 

Diese Formen der Gewalt dienen häufig dazu, ganze Gemeinschaften zu treffen. Frauen werden dabei gezielt angegriffen, weil sie in vielen Kulturen als Trägerinnen von Ehre und Identität ihrer Gemeinschaft wahrgenommen werden. Ward betonte zudem, dass religiöse Argumente manchmal missbraucht werden, um kulturelle Praktiken zu rechtfertigen, die Frauen unterdrücken. Umso wichtiger sei es, den Stimmen betroffener Frauen Gehör zu verschaffen und sie aktiv in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

Frauen als Hoffnungsträgerinnen in Krisensituationen

Der Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner sprach über die besondere Rolle von Frauen in Krisenregionen. Gerade dort, wo Christen eine Minderheit bilden, leisten Frauen – insbesondere Ordensfrauen – oft entscheidende humanitäre Arbeit.

Ein Beispiel dafür ist Schwester Annie Demerjian aus Syrien, die sich seit Jahren für Menschen im Libanon einsetzt. Ein Video mit ihr ergänzte die Diskussion und zeigte eindrucksvoll, wie Frauen in Krisenregionen Hoffnung und konkrete Hilfe für Bedürftige bringen – unabhängig von Religion oder Herkunft.

Persönliche Erfahrungsberichte und Einblicke aus der Praxis

Im anschließenden Panel standen konkrete Erfahrungen im Mittelpunkt.

Rita S., eine Christin aus Syrien, berichtete über ihre Erfahrungen als Angehörige einer religiösen Minderheit. Früher seien Christen trotz ihrer Minderheitenrolle ein fester Teil der syrischen Gesellschaft gewesen, mit gegenseitigem Respekt zwischen Christen und Muslimen. Nach den politischen Umbrüchen habe sich die Situation jedoch deutlich verschlechtert: Viele Christen seien geflohen, Frauen müssten sich wieder stärker verschleiern und lebten zunehmend in Angst. 

Mag. Anna Maria Jalalifar, eine aus dem Iran stammende Christin, berichtete über die Situation unter der islamischen Regierung sowie über ihre Arbeit mit Farsi- und Dari-sprechenden Christen in Österreich. Frauen seien dort häufig massiver Diskriminierung ausgesetzt – von Zwangsheirat im Kindesalter bis hin zu Ehrenmorden und staatlicher Gewalt gegen Demonstrierende. Gleichzeitig betonte sie, wie wichtig Integration, Glaubensfreiheit und persönliche Begleitung für Menschen sind, die in Österreich Schutz suchen und hier ein selbstbestimmtes Leben aufbauen möchten.

Kinga Schierstaedt von „Kirche in Not“ berichtete aus der Projektarbeit in afrikanischen Ländern. Terrorgruppen wie Boko Haram nutzen gezielt Gewalt gegen Frauen, um ganze Gemeinschaften zu terrorisieren. Viele Überlebende bleiben schwer traumatisiert – oft in Regionen, in denen es kaum psychologische Unterstützung gibt. Gleichzeitig seien Frauen häufig tragende Säulen von Familien und Gemeinden und spielen eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau von Gemeinschaften nach Gewalt und Konflikten.

Bildung und Unterstützung als Schlüssel

Ein zentraler Punkt der Diskussion war die Frage, wie Frauen nachhaltig unterstützt werden können. Beispiele aus Entwicklungsprojekten zeigen, dass insbesondere Bildung für Mädchen langfristige Veränderungen bewirken kann.

Programme zur Traumabewältigung, Ausbildungsmöglichkeiten sowie lokale Initiativen von Ordensfrauen und kirchlichen Organisationen helfen Frauen dabei, neue Perspektiven aufzubauen und ihre Gemeinschaften zu stärken.

Aus der Diskussion nehme ich unter anderem mit: 

  • Frauen sind der Schlüssel zur Zukunft – darum werden sie auch in ihrer spezifischer Weise attackiert.
  • Frauen sind Motoren gesellschaftlicher Veränderung – wie wir unter anderem an den anwesenden mutigen Frauen sehen konnten.
  • Frauen können sich gegenseitig besonders gut unterstützen und zusammenhalten.

Politischer Ausblick

Zum Abschluss betonte ich, dass die geschlechtsspezifische Dimension religiöser Verfolgung stärker in der politischen Arbeit berücksichtigt werden muss – in der Außenpolitik ebenso wie in der Entwicklungszusammenarbeit.

Der Internationale Frauentag erinnert daran, dass Gleichberechtigung nicht abstrakt ist. Sie entscheidet sich an konkreten Lebensrealitäten. Frauen aus religiösen Minderheiten gehören weltweit zu den verletzlichsten Gruppen – gleichzeitig sind sie oft Schlüsselakteurinnen für Veränderung und Resilienz in ihren Gemeinschaften.

Ihnen zuzuhören und ihre Situation sichtbar zu machen ist ein erster Schritt, um ihre Rechte zu stärken – zu handeln der nächste.

Schreibe einen Kommentar

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.