Hintergrund
Am 19. Februar 2026 fand in Wien ein weiteres Side Event zum Thema „Responding to the Demographic Winter“ statt. Gastgeberin war Abg. Dr. Gudrun Kugler in ihrer Funktion als Sonderbeauftragte der OSZE-Parlamentarierversammlung für demografischen Wandel und Sicherheit. Die Keynote hielt Mag. Dr. Rolf Gleißner, Leiter der Abteilung für Sozial- und Gesundheitspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich.
Die Veranstaltung knüpfte an die einstimmig verabschiedete Resolution der OSZE-PV zum demografischen Wandel an und vertiefte insbesondere wirtschafts-, arbeitsmarkt- und familienpolitische Aspekte .
Demografischer Wandel als Megatrend
In seiner Keynote stellte Rolf Gleißner die Frage, ob Europa rechtzeitig auf die demografischen Entwicklungen reagieren werde. Er skizzierte die strukturellen Auswirkungen sinkender Geburtenraten und steigender Lebenserwartung:
Der Anteil Europas an der Weltbevölkerung sinkt, die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter geht zurück- während Ausgaben für Pensionen, Pflege und Gesundheit steigen.
Die Folgen seien bereits spürbar. Arbeitskräftemangel, Produktivitätsdruck, zunehmende Belastung der sozialen Sicherungssysteme und steigende öffentliche Verschuldung.
Gleißner plädierte dafür, demografischen Wandel als übergreifenden Megatrend zu begreifen und in allen Politikfeldern mitzudenken. Notwendig seien institutionelle Zuständigkeiten und klare Verantwortlichkeiten für demografische Fragen.
Zentrale Handlungsfelder
Der Vortrag gliederte die Antwort auf den demografischen Winter entlang mehrerer Handlungsfelder:
1. Investitionen in Jugend und Bildung
Bildungssysteme müssten stärker an den künftigen Bedarf des Arbeitsmarktes angepasst werden. Dazu zählen u.a. verkürzte Ausbildungswege.
2. Beschäftigung stärken
Arbeit müsse sich finanziell lohnen. Ältere Arbeitnehmer, Mütter, Menschen mit Behinderung und Migranten sollten stärker in den Arbeitsmarkt integriert werden. Zudem sprach sich Gleißner für Anreize zur Ausweitung der Arbeitszeit aus.
3. Migration und Brain-Drain
Qualifizierte Migration könne einen Beitrag leisten, müsse aber mit konsequenter Integrationspolitik verbunden werden. Gleichzeitig wurde die Problematik des Brain-Drains innerhalb Europas thematisiert.
4. Pensionen, Gesundheit und Pflege
Mit steigender Lebenserwartung müsse auch das faktische Pensionsantrittsalter entsprechend steigen.
5. Familie und Fertilität
Familienpolitik müsse auch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Ebenso wurde ein kultureller Perspektivenwechsel angeregt: Kinder sollten nicht unter dem Aspekt „unbezahlter Care-Arbeit“, sondern als Zukunft und Bereicherung verstanden werden.
Offene Debatte: Einsamkeit, KI und gesellschaftliche Werte
In der anschließenden offenen Diskussion beteiligten sich Abgeordnete aus mehreren Teilnehmerstaaten der OSZE.
Mehrfach wurde das Spannungsfeld zwischen individueller Lebensplanung und langfristigen gesellschaftlichen Folgen angesprochen. Die Tendenz, Familiengründung zugunsten von Ausbildung und Karriere aufzuschieben, werde oft unterschätzt. Entscheidungen gegen Familie oder für sehr späte Elternschaft hätten individuelle und gesellschaftliche Konsequenzen, etwa im Hinblick auf Einsamkeit oder fehlende Unterstützungsnetzwerke im Alter. Mehrere Redner äußerten auch Sorge über die Abwanderung gut ausgebildeter junger Menschen und damit einhergehend Brain Drain.
In der Debatte wurde betont, dass Kinder auch eine Investition in die Zukunft eines Landes darstellen, wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Zugleich wurde kritisch angemerkt, dass im öffentlichen Diskurs häufig problematische Familienkonstellationen thematisiert würden, während stabile, funktionierende Familien wenig Sichtbarkeit erhielten. Eine positivere Rahmung von Familie sei daher notwendig.
Abg. Gudrun Kugler verwies auf Initiativen gegen Einsamkeit, etwa entsprechende nationale Strategien in einzelnen Staaten, sowie auf die Bedeutung schulischer Bildung im Bereich Beziehungsfähigkeit, Familienleben und Bewusstsein für demografische Zusammenhänge. Demografische Bildung sei ein wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Gesellschaftspolitik.
Fazit
Das Side Event machte deutlich, dass der demografische Wandel nicht nur eine statistische Entwicklung, sondern eine strukturelle Herausforderung für Arbeitsmarkt, Sozialsysteme, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Sicherheit darstellt. Migration, technologische Innovation und arbeitsmarktpolitische Reformen können Teil der Antwort sein, ersetzen jedoch nicht eine langfristig angelegte Familien- und Gesellschaftspolitik.
Die Diskussion zeigte breite Übereinstimmung darüber, dass demografische Fragen ressortübergreifend behandelt und institutionell verankert werden müssen. Der demografische Winter bleibt damit ein zentrales Zukunftsthema für die OSZE-Region.







