Nationalratsitzung
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Altern in Würde – meine Rede zum Sozialbericht 2019
24. September 2020
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Der Sterbewunsch verschwindet, wenn die Umstände verbessert werden! Das Thema Altern in Würde zieht sich wie ein roter Faden durch den Sozialbericht 2019. In meiner Rede bei der Nationalratssitzung am 23.9. erkläre ich, warum das Alte, Welke und Sterbende unsere Gesellschaft reicher macht, wie wir Pflege, Hospiz- und Palliativmedizin ausbauen können, um den Menschen ein Altern in Würde zu garantieren. In Österreich solidarisieren wir uns nicht mit dem Sterbewunsch, sondern mit den Betroffenen!

Hier meine Rede zum Nachhören und -lesen:

 

Abgeordnete Dr. Gudrun Kugler (ÖVP):

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ein Thema, das in fast jedem Kapitel in diesem Sozialbericht 2019 vorkommt, ist die Frage, wie es den Menschen im letzten Lebensabschnitt, im Alter, aber auch im Sterben, geht. Das Sterben blenden wir sehr oft aus, aus unserem persönlichen Leben, aber auch aus dem öffentlichen Leben. Gott sei Dank, Dank auch an das Sozialministerium, zieht sich dieses Thema wie ein roter Faden durch den Bericht. Da geht es um die Lebensqualität im Alter. Es geht um die Schaffung eines positiven Altersbildes. Es geht um die Altersarmut, die Pflegevorsorge. Dort heißt es zum Beispiel, dass wir pflegende Angehörige unterstützen müssen, es heißt auch, dass die Hospize und die Palliativmedizin in die Regelfinanzierung übernommen werden müssen – eine langjährige Forderung. Es geht um Seniorenpolitik, es geht um Medizinrecht.

Wenn wir diese Vorschläge umsetzen, wenn wir an der Lebensqualität im Alter arbeiten, dann wird es den Menschen im Alter gut gehen, und wir werden wenige Menschen hören, die sagen, dass sie so nicht mehr leben wollen. Es gibt ihn nämlich, diesen Wunsch zu sterben, dann, wenn das Leben nicht mehr lebenswert erscheint.

Es gab vor fünf Jahren eine Enquete-Kommission im Parlament, und da hat der damalige Obmann des Hospizvereins Steiermark, Helmut Strobl, einen sehr wichtigen Satz gesagt; ich lese diesen Satz vor. Er sagt: Der Wunsch zu sterben, das Verlangen nach Sterbehilfe ist nur der Wunsch nach Beendigung eines menschenunwürdigen Zustandes und in Wirklichkeit nicht der Wunsch, tatsächlich zu sterben. Das, so sagt er, ist die Erfahrung all unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. – Zitatende.

Und wie oft wird das bestätigt: Wenn die Umstände verbessert werden, dann schwindet der Todeswunsch.

Es gibt eine Umfrage aus dem Frühling dieses Jahres der Universität Utrecht in Holland: Menschen, die einen Todeswunsch äußern, alte Menschen, die sagen, sie wollen nicht mehr leben, sagen das zu 56 Prozent, weil sie einsam sind, zu 42 Prozent, weil sie die Sorge haben, anderen zur Last zu fallen, und zu 36 Prozent, weil sie meinen, dass sie einfach mit dem Geld nicht auskommen. Hier sehen wir, wo wir ansetzen können.

Ich danke Ihnen, Herr Minister Anschober, dass Sie einen Pakt gegen Alterseinsamkeit angekündigt haben, ich begrüße das. Alterseinsamkeit ist nicht nur ein Coronathema, Einsamkeit macht krank. In anderen Ländern ist es schon ein großes politisches Thema, ich freue mich, dass es das auch bei uns werden soll.

Es gibt Menschen, die sagen: Ich möchte nicht mehr leben, weil mein Leben für andere eine Last darstellt. Wenn ich darauf sage: Ja, da können wir dir helfen, wir können dir helfen zu sterben!, dann habe ich mich mit dem Todeswunsch dieses Menschen solidarisiert, nicht mit dem Betroffenen.

Ich bin froh, dass wir in Österreich einen anderen Weg gehen, dass wir 2015 in der Enquete-Kommission des Parlaments einstimmig beschlossen haben, dass wir Ja zur Behandlungsautonomie sagen – niemand darf gegen seinen Willen behandelt werden –, dass wir aber auch sagen, unsere Antwort auf die Sterbehilfedebatte sind: Pflege, Hospiz, Palliativmedizin und die Bekämpfung von Alterseinsamkeit, und dass wir deswegen Tötung auf Verlangen oder Beihilfe zum Selbstmord in Österreich nicht brauchen.

Tobias Moretti hat auf einer Konferenz im Schloss Hartheim – eines der Euthanasiezentren der Nationalsozialisten – gesagt, „dass es eine Gesellschaft reicher macht, Platz zu haben für das nicht Normale, für das Welke, für das Sterben; es gehört einfach dazu“. Sterbehilfe wäre, sagt er, „als würde man eine Jahreszeit wegkürzen, als würde man den Herbst abschaffen.“

In diesem Sozialbericht 2019 ist im Detail angeführt, was wir tun müssen, damit unsere Gesellschaft eine humane ist, in der das Sterben zum Leben gehört und in der wir an der Hand eines Menschen sterben und nicht durch die Hand eines Menschen. – Vielen Dank. (Beifall bei der ÖVP.)

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2 comments

  1. Magdalena Friedrich

    Bravo. Ich stimme voll und ganz zu. Sterbehilfe ist Beihilfe zum Selbstmord bzw. Mord, wie ein jüngster Fall in den Niederlanden zeigt. Ältere Menschen müssen sich rechtfertigen wenn sie Sterbehilfe nicht wünschen.

  2. Ich danke Ihnen sehr für Ihren unermüdlichen Einsatz im Kampf gegen die Sterbehilfe. Ich kann mit einer Erfahrung dazu beitragen, wie wichtig es ist, dass Menschen bis zum Ende ihres Lebens betreut werden. denn meine Schwiegermutter wurde 101 Jahre alt. Mit 98 kam sie ins Spital, weil sie Speichel eingeatmet hatte. Sie litt unter Altersdemenz mit allen Begleiterscheinungen. Im Spital wurde uns mitgeteilt, dass wir sie endlich sterben lassen sollen. Sie wurde zur Besuchszeit nackt ausgezogen und lag nur mit einer Windelhose bekleidet in ihrem Spitalsbett. Die Decke war nur über ihre Beine gelegt, weil es an diesem Tag sehr warm war, es war Sommer. Wir hatten sie damals sehr rasch aus dem KH nach Hause geholt, wo sie noch 3 Jahre lebte. Ab dem 90 Geburtstag hatten wir eine 24stunden Pflege, trotzdem wurde uns damals mitgeteilt, dass wir sie sterben lassen sollten. Sie hat wie gesagt noch 3 Jahre gelebt. Ihre Urenkelkinder, ihre Enkelkinder und ihre Kinder haben sie immer wieder besucht und meine 5jährige Enkeltochter hat geweint, als sie vor einigen Monaten starb, weil sie die Urli so lieb hatte. Sie war ein Anker in der Familie, auch wenn sie die letzten 4 Jahre ein schwerer Pflegefall war und in allem auf fremde Hilfe angewiesen war. Sie hat uns vorgelebt, dass das Leben ein Geschenk ist, auch wenn es nach außen so nicht mehr aussieht. Daher ist es sehr wichtig, dass es Politikerinnen wie Sie gibt, die sich für ein Sterben an einer Hand einsetzen nicht durch eine Hand. Gott segne Sie!