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Nigeria-Konflikt – mehr als ethnische Spannungen!
23. November 2020
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In schwierigen Zeiten ist der Blick über den eigenen Tellerrand besonders wichtig. Wir dürfen neben unseren eigenen Problemen nicht das Leid in anderen Teilen der Welt übersehen. In diesem Sinne hier einige Gedanken und Informationen über die aktuelle Situation in Nigeria:

Die fortschreitende Gewalt gegen die nigerianische christliche Bevölkerung hat in den letzten Jahren ein erschreckendes Ausmaß erreicht. Während sich die Verfolgung durch islamistische Gruppierungen seit der Einführung der Scharia in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias 1999 vor allem auf den Norden des Landes beschränkte, wurden in den letzten Jahren gewaltsame Übergriffe vermehrt auch in anderen Regionen verzeichnet. Zahlreichen Berichten zufolge hat sich die Situation unter der Regierung von Präsident Muhammadu Buhari seit 2015 wesentlich verschärft.

Meist wird der Konflikt in Nigeria als ethnische Spannung zwischen der (muslimischen) Hirten- und (christlichen) Bauernbevölkerung beschrieben. Die „All Parliamentary Group for International Freedom of Religion or Belief“ des Britischen Parlaments kommt in ihrem Untersuchungsbericht aber zu einem anderen Schluss. Unter dem Titel „Nigeria: Unfolding Genocide?“ dokumentiert die parlamentarische Gruppe zahlreiche gewaltsame Übergriffe, wie Überfälle auf christliche Dörfer, Ermordungen und Vertreibung. Hauptursache für die systematische Gewalt gegen die christliche Bevölkerung in Nigeria, so der Bericht, sei der wachsende Einfluss des extremistischen Islams in der Sahel-Region, die militante Fulani-Hirten dazu antreibt, Christen und christliche Kirchen anzugreifen. Dazu spielen natürlich auch die Resourcen-Knappheit sowie die abnehmende Fruchtbarkeit des Landes eine große Rolle.

Während die genaue Zahl der Todesopfer nicht bekannt ist, kann davon ausgegangen werden, dass Tausende von Zivilisten bei Angriffen von Fulani-Hirten und regelmäßigen Vergeltungsmaßnahmen getötet wurden. Laut der Organisation Humanitarian Aid Relief Trust wurden zwischen Jänner und November 2019 über 1.000 Christen getötet, zusätzlich zu den geschätzten 6.000 Todesfällen seit 2015. Amnesty International schätzt, dass zwischen Jänner 2016 und Oktober 2018 mindestens 3.641 Menschen getötet wurden 406 verletzt und 5.000 Häuser niedergebrannt. Laut lokalen Organisationen sind diese Zahlen sogar noch höher.

Die Gewalttaten, bei denen vor allem die christliche Bevölkerung des Landes ermordet, körperlich verletzt und ihres Eigentums beraubt wird, gehen von den Gruppierungen Boko Haram, Splittergruppen des „Islamischen Staats in der Provinz Westafrika“ (ISWAP) sowie radikalen Fulani-Viehhirten aus, die oftmals gut mit Waffen ausgerüstet sind, was Berichten zufolge auch auf außerstaatlichen Einfluss beruht. Für die christliche Bevölkerung bedeuten die Übergriffe häufig auch den Verlust von Grundbesitz und folglich ihrer Erwerbsquellen. Während vorwiegend die christliche Bevölkerung von den Gewalttaten betroffen ist, werden auch friedliche muslimische Bürger immer wieder zur Zielscheibe von Gewalt der islamistischen Gruppierungen.

Besorgniserregend ist dabei vor allem die Untätigkeit der Regierung, die Straffreiheit für grausame Gewalttaten zulässt und damit gewalttätige islamische Gruppen sowie Gruppen von Kriminellen begünstigt. Welch brutales Ausmaß die Christenverfolgung in Nigeria mittlerweile erreicht hat, zeigt u.a. auch die Tatsache, dass sich das Land im internationalen Ranking der am stärksten von Christenverfolgung betroffenen Staaten der Hilfsorganisation Open Doors auf Platz 12 befindet, noch vor Saudi Arabien, dem Irak oder Algerien. Ein schockierendes Beispiel für die Gewalt in Nigeria aus dem Bericht der Britischen Interparlamentarischen Gruppe für Internationale Religionsfreiheit ist ein Fall aus dem Bundesstaat Adamawa. Dort wurde  eine gesamte Polter-Gesellschaft von jungen Frauen einschließlich der angehenden Braut in einem rituellen Mord brutal getötet.

Am stärksten von Gewalt betroffen sind die Gebiete Benue, Plateau, Taraba, Adamawa, Kaduna, Kwara, Borno und Zamfara.  Bereits 2018 verurteilte die Nigerianische Abgeordnetenkammer die Gewalt in diesen Regionen als Genozid und rief die Bundesländer dazu auf, Waisenhäuser in den betroffenen Gebieten zu errichten.

Die Gewalt gegen die christliche Zivilbevölkerung in Nigeria sowie die herrschende Straffreiheit durch die Regierung sind aufs Schärfste zu verurteilen. Wir dürfen hier nicht aufgrund einer falsch verstandenen „Political Correctness“ wegsehen, sondern müssen die wahren Probleme benennen und uns als internationale Staatengemeinschaft für den Schutz der Bevölkerung und der Menschenrechte sowie für Frieden und Dialog einsetzten!

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