Europa wird älter. Österreich wird älter. Und in vielen Regionen wird unsere Gesellschaft nicht nur älter, sondern sie schrumpft bereits. Diese Entwicklung vollzieht sich nicht plötzlich, sondern hat bereits in den 70iger Jahren begonnen – und doch wird sie politisch noch immer viel zu selten in ihrer ganzen Tragweite diskutiert. Genau deshalb lud ich am 9. Juni mit Klubobmann Ernst Gödl und Sozialsprecher August Wöginger zur Enquete „Gesellschaft im Umbruch – Herausforderung demografischer Wandel“ in den ÖVP-Parlamentsklub.
Der demografische Wandel ist kein Randthema. Er betrifft die Zukunft der Arbeit, die Finanzierung des Sozialstaates, die Pflege, den Wohnbau, die Infrastruktur im ländlichen Raum, Migration, Sicherheit, Demokratie und nicht zuletzt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer an Österreich in 20 oder 30 Jahren spricht, muss es neu denken.
Einstiegsvortrag
Einleitend stellte ich klar: Die demografische Entwicklung hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab – Geburten, Migration und Lebenserwartung. Das sogenannte Bestandserhaltungsniveau liegt bei rund 2,1 Kindern pro Frau. Davon ist Österreich mit einer Fertilitätsrate von rund 1,3 weit entfernt. Noch deutlicher wird die Dimension, wenn man bedenkt, was eine Fertilitätsrate von 1 über längere Zeit bedeutet: keine Geschwister, keine Cousins, keine Onkel und Tanten. Eine Gesellschaft mit immer weniger Kindern verändert nicht nur Statistiken. Sie verändert Familien, Beziehungen, soziale Netze und langfristig auch das Lebensgefühl eines Landes. Prof. Wolfgang Mazal sagte: “Unsere Gesellschaft wird leiser, langsamer, vorsichtiger, weniger dynamisch.”
Viele Menschen bekommen weniger Kinder, als sie sich eigentlich wünschen. Diese sogenannte Fertilitätslücke zeigt Handlungsspielräume der Politik. Es geht nicht darum, private Lebensentscheidungen vorzuschreiben, sondern darum, Hürden abzubauen, Familien zu stärken und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit ein vorhandener Kinderwunsch auch verwirklicht werden kann.
Wissenschaftliche Einordnung
Prof. Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ordnete die Entwicklung wissenschaftlich ein. Seit Jahrzehnten, so der Tenor, wünschen sich viele Länder pronatale Entwicklungen – also eine Trendwende hin zu mehr Kindern. Doch diese bleibt weitgehend aus. Selbst umfangreiche familienpolitische Maßnahmen, etwa in Ungarn unter Ministerpräsident Viktor Orbán, konnten zwar einen kleinen Babyboom auslösen, aber keinen nachhaltigen Durchbruch schaffen. Das zeigt: Politik kann Rahmenbedingungen verbessern, sie kann Hürden abbauen und Familie erleichtern. Aber sie kann keine gesellschaftliche Kultur ersetzen, in der Kinder, Elternschaft und Verbindlichkeit positiv gesehen werden.
Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Das ist zunächst eine große Errungenschaft. Dass Menschen länger leben, ist Ausdruck von Wohlstand, medizinischem Fortschritt und besseren Lebensbedingungen. Mit einem Augenzwinkern wurde in der Veranstaltung festgehalten: Wer Akademiker ist, gewinnt Lebensjahre dazu; wer Professor ist, noch ein wenig mehr; und wer Mitglied der Akademie der Wissenschaften ist, vielleicht sogar noch mehr. Doch hinter dieser humorvollen Bemerkung steht eine ernste Frage: Wie können die gewonnenen Lebensjahre auch gesunde und selbstbestimmte Lebensjahre sein? “Die Älteren sind die Scharniere der Gesellschaft!”
Politische Antworten folgten von Bundesfamilienministerin Claudia Bauer, die betonte, dass es eigentlich um unseren Wohlstand geht, und dass wir nicht nur über Probleme mit sondern auch über Gründe für Kinder sprechen sollten; und Sozialsprecher August Wöginger, der unterstrich, dass notwendige Reformen zentrale Punkte in den Regierungsverhandlungen sein müssen, mehr Flexibilität bei der pensionsbezogenen Lebensgestaltung und klarerweise tendenzielle Verringerung der pensionsbeziehende Jahre durch ein Hinaussetzen eines flexiblen Antrittsalters. Im Vergleich zu anderen Ländern könnte man Österreich als “Pensionswunderland” bezeichnen, es ist an der Zeit, die “zweite und dritte Säule zu stärken.”
Expertenimpulse
Im Anschluss an die grundsätzliche Einordnung folgte ein eigener Block mit sechs Expertenimpulsen. Sie zeigten, wie breit der demografische Wandel wirkt und warum er in nahezu allen Politikfeldern mitgedacht werden muss.
Demoskop Paul Unterhuber beleuchtete aus demoskopischer Perspektive, wie die Bevölkerung auf den demografischen Wandel blickt. Die Stimmung ist insgesamt eher ernüchtert. Viele Menschen nehmen die Folgen der Entwicklung bereits wahr. Besonders das Pensionssystem wird als zentrales Problemfeld gesehen. Der demografische Wandel ist damit kein abstraktes Expertenthema, sondern berührt konkrete Sorgen der Bevölkerung: finanzielle Sicherheit, Zukunftsvertrauen und die Frage, ob Österreich auf die kommenden Veränderungen vorbereitet ist.
Wirtschaftsforscher Dr. Thomas Fent sprach über Wirtschaft, Produktivität und technologische Entwicklung. Der demografische Wandel trifft – “ein Glücksfall” – auf eine Zeit, in der künstliche Intelligenz und Automatisierung die Arbeitswelt grundlegend verändern. KI kann ein wichtiges Werkzeug sein, um negative Folgen einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung abzufedern. Zugleich bleibt entscheidend, dass Wertschöpfung auch im Bereich KI in Österreich gehalten wird und Bildungssysteme auf die Arbeitswelt der Zukunft vorbereiten. Wenn weniger Menschen im Erwerbsalter sind, wird Produktivität zu einer Schlüsselfrage für Wohlstand und Sozialstaat. Er beklagte, dass es “ökonomisch rational” sei, “keine Kinder zu haben”. Bei einer Verlängerung von Zivil- und Wehrdienst müsse man sicherstellen, dass ein Ausbildungseintritt im Herbst möglich ist und dass die Zeit schlussendlich nicht für die Familiengründung fehle.
WKÖ-Abteilungsleiter Dr. Rolf Gleissner widmete sich dem Zusammenhang von Staat, Sozialsystemen und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Der Wohlstand eines rohstoffarmen Landes hängt wesentlich von drei Faktoren ab: der Zahl der erwerbstätigen Personen, der geleisteten Arbeitszeit und der Produktivität. In allen drei Bereichen steht Österreich unter Druck. Die Erwerbsbevölkerung altert, das Arbeitsvolumen ist gesunken, Teilzeit nimmt zu, während gleichzeitig Pflege-, Gesundheits- und Pensionskosten steigen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Ausbildungen zu verkürzen, Arbeit attraktiver zu machen, Qualifikation stärker auf den Arbeitsmarkt auszurichten, längeres Arbeiten zu ermöglichen und Rehabilitation sowie Arbeitsmarktintegration vor Frühpensionierung zu stellen.
Wohnbauexpertin Mag. Isabella Stickler zeigte die räumliche Dimension des demografischen Wandels. Stadt und Land entwickeln sich unterschiedlich: Während Ballungsräume wachsen, stehen viele ländliche Regionen vor Schrumpfung und Alterung. Gleichzeitig wächst die Altersgruppe 80+ in ganz Österreich. Diese Entwicklung betrifft Kindergärten, Schulen, Pflegeplätze, Wohnraum, Verkehr, Wasser-, Kanal- und Stromnetze sowie kommunale Finanzen. Bei Bauvorhaben muss das Prinzip “Flexibilität” im Vordergrund stehen. Infrastrukturplanung muss daher langfristig und flexibel erfolgen – ein strategischer Rückzug darf kein Tabu sein. Die Frage, ob Kindergärten von heute eines Tages Pflege- oder Begegnungszentren von morgen werden könnten, bringt diese Herausforderung besonders anschaulich auf den Punkt.
Migrationsforscherin Prof. Gudrun Biffl sprach über Sicherheit, Migration und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Migration wird in öffentlichen Debatten häufig als Sicherheitsfrage behandelt. Gleichzeitig ist Österreich in vielen Bereichen auf Zuwanderung angewiesen, etwa in Pflege, Tourismus, Transport, Bau oder technischen Berufen. Entscheidend ist daher eine differenzierte Debatte: Illegale Migration, Integrationsprobleme, migrantische Kriminalität, notwendige qualifizierte Zuwanderung und gesellschaftlicher Zusammenhalt dürfen nicht miteinander vermischt werden. Migration kann demografische Entwicklungen abfedern, ersetzt aber keine eigenständige Familien-, Integrations- und Kohäsionspolitik.
Sozialrechtler Dr. Wolfgang Mazal rückte schließlich Familie, Generationen und gesellschaftliche Verbindlichkeit in den Mittelpunkt. Eine Gesellschaft mit immer weniger Kindern verändert sich tiefgreifend. Wenn Kinder fehlen, wird eine Gesellschaft leiser, langsamer und vorsichtiger. Der Schlüssel zur Erhöhung der Geburten sind nicht Kinderbetreuung oder finanzielle Unterstützung, sondern eine kohärente Familienpolitik und eine Kultur, die Familie ermutigt anstatt sie immer mit problembehafteten Vokabular zu erwähnen. Gesellschaftliche Kohäsion funktioniert nicht ohne Verbindlichkeit – in Familien, zwischen Generationen und in der Gesellschaft insgesamt. Sexualerziehung solle nicht Randthemen sondern die großen wichtigen Fragen der jungen Menschen aufgreifen.
Anschließende Diskussion
In der abschließenden Diskussion wurden einzelne Aspekte aus den Vorträgen aufgegriffen und politisch weitergedacht. Dabei wurde der demografische Wandel als Querschnittsthema beschrieben, das in viele Politikbereiche hineinwirkt – von Familienpolitik über Arbeitsmarkt und Pflege bis hin zu Infrastruktur und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Angesprochen wurden unter anderem die Idee eines stärkeren „Family Mainstreaming“, also die systematische Prüfung politischer Maßnahmen auf Familienfreundlichkeit, sowie Fragen sozialer und räumlicher Segregation. Auch Gesundheitsprävention, Pflege, Pensionsfinanzierung, ökonomische Anreize für Familien und veränderte Rollenbilder wurden kurz diskutiert.
Demografie als Auftrag
Die Enquete zeigte deutlich: Der demografische Wandel ist keine ferne Zukunftsfrage. Er ist bereits Gegenwart.
Er verlangt eine Politik, die über Legislaturperioden hinausdenkt, Familien stärkt, gesundes Altern ermöglicht, Arbeit und Leistung attraktiver macht und Infrastruktur realistisch plant. Wer Demografie ernst nimmt, investiert in die Zukunftsfähigkeit Österreichs – in starke Familien und die kommenden Generationen sowie tragfähige Sozialsysteme.
(Zusammenfassung ohne Gewähr; (c) Gudrun Kugler aus eigener Mitschrift. Es gilt das gesprochene Wort!)
Zum Weiterelesen:
Publikationen des Bundesrats Zukunft des Pensionssystems – Miteinander wachsen – Brücken der Generationen bauen – Enquete und Expertenforum des Bundesrates und Tätigkeitsbericht 2021/2022, Tirol | Vorarlberg
Policy Recommendations for National and European Policymakers authored by Dr Kugler und Dr Hefele for the Martens Centre published in January 2026: Answering-Demographic-Change.pdf
Porto Declaration of the OSCE Parliamentary Assembly – unanimously adopted in July 2025: Porto Declaration and Resolutions by the OSCE PA
Resolution of the EPP Congress Valencia March 2025 – unanimously adopted: Ordinary Resolution Nr. 10
Report of Special Representative Gudrun Kugler on Demographic Change and Security for OSCE PA published in Feb 25: Report Demographic Change in the OSCE Region




