Neuer Geburtentiefststand in Österreich
30. Juni 2026
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1,3 – das ist die Geburtenrate für 2025 in Österreich. Jedes Jahr hören wir von einem neuen historischen Tief. Die Geburtenraten brechen auf nahezu der ganzen Welt ein, nicht nur in Europa. Auch Indien, Aserbaidschan und weite Teile Lateinamerikas liegen mittlerweile unter dem Bestandserhaltungsniveau.

Für Österreich und Europa ist die Situation besonders problematisch, weil wir bereits seit den 1970er Jahren unter dem Bestandserhaltungsniveau liegen, während diese Entwicklung in den meisten anderen betroffenen Ländern erst deutlich später eingesetzt hat. Man kann daher sagen: Wir haben nicht nur zu wenige Kinder, sondern auch zu wenige Menschen, die zu wenige Kinder haben. Bei einer Geburtenrate von 1,0 (Schätzung für Menschen, deren Großeltern bereits in Österreich lebten) halbiert sich jede Generation. Dieses eine Kind hat keine Geschwister, keine Cousins und Cousinen, keine Onkel und Tanten.

Besonders eindrücklich zeigt sich diese Entwicklung bei den Rekruten: 1982 gab es in Österreich rund 65.000 17-jährige Österreicher, heute sind es nur noch etwas mehr als 40.000. Gleichzeitig ist die österreichische Gesamtbevölkerung um rund 20 Prozent gewachsen. Das ist eine geo- und sicherheitspolitisch besorgniserregende Entwicklung.

Österreich soll nach den Prognosen erst ab etwa 2040 zu schrumpfen beginnen, derzeit wächst die Bevölkerung noch, nicht allein aufgrund der Zuwanderung, sondern auch wegen der steigenden Lebenserwartung. Deutschland schrumpft bereits. Prognosen zufolge wird Deutschland im Jahr 2060 rund zehn Millionen Einwohner weniger haben.

Warum haben die Menschen so wenige Kinder? Statistisch betrachtet liegt das Problem nicht in der Kinderzahl jener Frauen, die Mütter werden. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Mutter liegt seit den 1980er Jahren relativ konstant bei rund 2,25. Das eigentliche Problem ist die stark gestiegene Kinderlosigkeit: Der Anteil kinderloser Frauen ist im selben Zeitraum von rund 4 Prozent auf 38,5 Prozent gestiegen.

Die Ursachen der Kinderlosigkeit lassen sich auf drei Gruppen verdichten: “Nicht ich” mit veränderten Werten, negativer Haltung zur Elternschaft, fehlendem Kinderwunsch und Untergangsstimmung; “Nicht jetzt” mit dem Warten auf den perfekten Zeitpunkt, “Karriere zuerst”, “jetzt mal das Leben genießen” und einem immer höheren Erstgebärendenalter; sowie “Nicht möglich” wegen fehlendem passenden Partner, biologischer Gründe oder verringerter Fruchtbarkeit, fehlendem Wohnraum oder weil Kinder als nicht leistbar empfunden werden.

Dahinter liegt ein tiefer kultureller Wandel in den letzten Jahrzehnten: Weiblichkeit wurde zunehmend als Nachteil verstanden, Gleichberechtigung mit einem männlichen Lebenslauf gleichgesetzt, Kinder als Belastung und gesellschaftliche Anerkennung vor allem über Erwerb und Einkommen definiert. So geriet die besondere Fähigkeit von Frauen, Kinder zu bekommen, aus dem Blick. Die frühe feministische Kritik an der Benachteiligung von Frauen war berechtigt, doch die gesellschaftlichen Antworten darauf haben neue Probleme geschaffen. Wir brauchen deshalb eine neue Erzählung und ein Menschenbild, das Frauen wirklich stärkt, ihre gleiche Würde und wesentlichen gesellschaftlichen Beiträge anerkennt und zugleich auch die Besonderheit ihres Frauseins wertschätzt.

Die Kinderwunschlücke ist die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Europäer wünschen sich im Durchschnitt etwa zwei Kinder, bekommen aber im Schnitt mehr als „ein halbes Kind“ weniger.

Die OSZE Parlamentarische Versammlung hat im Juli 2025 einstimmig gefordert, sinkende Geburtenraten und die Alterung der Gesellschaft aktiv anzugehen, Elternschaft positiv darzustellen, über die Folgen eines aufgeschobenen Kinderwunsches aufzuklären und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen ihren Kinderwunsch verwirklichen können, auch wenn sie sich eine größere Familie wünschen.

Die Auswirkungen des demografischen Wandels sind vielfältig: Pensionssysteme geraten unter Druck, Gesundheits- und Pflegekosten steigen, Staatsschulden nehmen zu, geopolitische Sicherheitsrisiken wachsen, der Arbeitskräftemangel verschärft sich und die Produktivität sinkt. Gleichzeitig breitet sich Einsamkeit aus, die ländliche Infrastruktur ist immer schwerer aufrechtzuerhalten, die Demokratie altert, der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet und Migration bringt zusätzliche Nebenwirkungen mit sich.

Ich bleibe am Thema natürlich dran – als Sonderbeauftragte der OSZE PV für demografischen Wandel und Sicherheit.

 

Titelbild Quelle: https://www.selektiv.at/demograf-der-babyboom-kam-nicht-von-ungefaehr/

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