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Grenzen halten nicht: fortschreitende Ausweitung der Sterbehilfe
11. September 2020
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Ausweitung der „Sterbehilfe“ – ein Überblick

Niederlande

  • Seit 2002 von mehr als 60.000 Menschen in Anspruch genommen (ges. 17 MioEw)
  • 2017: mehr als 6.500 Fälle
  • 2019: 4,5 % der Gesamtsterbefälle
  • Jedes Leiden kann sofort beendet werden, wenn es als unerträglich diagnostiziert wird:
    B. Demenzkranke, Depressive, Menschen mit Behinderungen, Alkoholkranke
  • 2013: Legalisierung von Euthanasie für Minderjährige:
    Von jährlich rund 175.000 Neugeborenen, denen Ärzte eine nur kurze Lebensdauer vorhersagten, wurden im Jahr 2013 650 Babys durch aktive Sterbehilfe getötet[1]
  • 2016: Abschaffung der Voraussetzung einer schweren Erkrankung[2]
  • Legalisierung von Euthanasie ohne ausdrückliche Zustimmung des Patienten:
    Im Jahr 2016 wurden 400 Patienten ohne ausdrückliche Zustimmung getötet[3]
  • 2020: Höchstgericht spricht Ärztin frei, die eine an Demenz erkrankte Patientin trotz deren Ablehnung tötet, da diese die Möglichkeit der Sterbehilfe in ihrer Verfügung erwähnte[4]
  • Studie Universität Utrecht, 2020: 10.000 aller über 55-jährigen wollen ihr Leben frühzeitig beenden – auch wenn sie an keiner ernsthaften Erkrankung leiden; Gründe: 56% Einsamkeit, 42% Sorge, zur Last zu fallen, 36% Geldsorgen.
  • Hälfte der betroffenen älteren Menschen hat einen niedrigeren sozioökonomischen Status[5]

Drastischer Anstieg seit Einführung

Seit der Legalisierung von Euthanasie und assistiertem Suizid in den Niederlanden im Jahr 2001 sind die Zahlen drastisch angestiegen:

  • 2003 1,2 % der Gesamtsterbefälle, aktuell 4,5 %
  • Zwischen 2010 und 2017 haben sich die Fälle mehr als verdoppelt
  • Allein zwischen 2017 und 2018 gab es einen Anstieg von 10%
  • 2018 waren es bereits mehr als 16 Todesfälle pro Tag
  • Neben zahlenmäßigem Anstieg auch Tabubruch:
    • 2013: Legalisierung von Euthanasie für Minderjährige
    • 2016: Verzicht auf die ausdrückliche Zustimmung als Grundvoraussetzung

Belgien

  • Im Mai 2002 verabschiedete die belgische Abgeordnetenkammer ein „Gesetz zur Euthanasie“: auf Verlangen durch einen Arzt unter bestimmten Bedingungen erlaubt
  • Ende 2013 stimmte der belgische Senat für eine Ausweitung der Regelung auf Minderjährige ohne jegliche Altersbegrenzung. Die Abgeordnetenkammer stimmte dieser Regelung im Februar 2014 zu.[7]
  • 2013 wurde in Belgien die Möglichkeit zur Euthanasie auf Demenzerkrankte ausgeweitet[8]
  • 2020: Gericht bestätigt Sterbehilfe für psychisch Kranke (Fall aus 2010)[9]
  • Starker Anstieg: Die Zahl der Fälle stieg von 349 (2004) auf 2.655 (2019) an
  • Eine Umfrage aus 2020 ergab, dass fast 9 von 10 (89,1%) der befragten flämischen Ärzten in Belgien die Tötung von schwerbehinderten oder -kranken Neugeborenen für akzeptabel halten, auch wenn die Neugeborenen nicht lebensbedrohlich betroffen sind

Schweiz

  • Aus nicht-selbstsüchtigen Motiven darf kranken Menschen auf Wunsch Beihilfe zum Selbstmord geleistet werden. Tötung auf Verlangen ist verboten.
  • Problem mit Gesetzeslage: Suizidhilfe ausschließlich bestraft, wenn sie „aus selbstsüchtigen Beweggründen“ erfolgt. Fehlen diese, bleibt der Helfende straflos.
  • Prominente Sterbehilfevereine sind Exit und Dignitas unterstützt weltweit Verfahren zur Legalisierung von assistiertem Suizid und Tötung auf Verlangen.
  • 2007: Bundesgericht legalisiert Sterbehilfe für psychisch kranke[10]
  • Beihilfe zur Selbsttötung soll künftig auch für Gefangene möglich sein: Befürworter fordern „Recht auf Selbstbestimmung“ ein. Kritiker warnen vor Druckmittel in Richtung „freiwillige Todesstrafe“
  • Zahlen: zwischen 2003 und 2016 verfünffacht!
    (965 Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz haben sich 2016 mittels Sterbehilfe-Organisationen das Leben genommen, fünfmal mehr Menschen als noch 2003)
  • Mittlerweile Suizidhilfe mit ihren über 1000 Fällen jährlich

 

 

Experten warnen vor Folgewirkungen:

Experten sehen die Entwicklung seit der Legalisierung von Euthanasie und assistiertem Suizid in den Niederlanden äußerst kritisch und warnen vor weiteren Folgewirkungen.

  • Studien und Expertenberichte zeigen, dass es sich häufig nicht um eine selbstbestimmte Entscheidungen handelt, sondern sich ältere und kranke Menschen zunehmend unter Druck fühlen, nach einer „Kosten-Nutzen-Rechnung“ ihrem Leben ein Ende zu bereiten, um ihren Angehörigen nicht mehr zur Last zu fallen oder aufgrund von Einsamkeit oder Geldsorgen (Hälfte der betroffenen älteren Menschen niedriger sozioökonomischen Status).
  • Viele niederländliche Ärzte, die früher Befürworter waren, steigen aus und warnen: die gesetzlichen Schutzmaßnahmen für die Bürger halten nicht mehr[11]
  • Steigende Zahlen auf das Angebot zurückzuführen: „Meine Vorstellung war, was man reglementiert, hat man im Griff. Das hat sich nicht bewahrheitet. Vielmehr hat sich gezeigt: Wenn man eine umstrittene Praxis legalisiert, stellt man sie in einem Schaufenster aus als Warenangebot. Ich habe feststellen müssen, dass das Angebot zum Teil tatsächlich die Nachfrage weckt.“ (Theo Boer, Professor für Gesundheitsethik, belgisches Euthanasia Review Committee).
  • Steigender Druck auf Ärzte: In einer Studie des Journal of Medical Ethics berichten holländische Ärzte von emotionaler Erpressung durch Patienten und Angehörige (Patienten drohen mit Selbstmord, Angehörige sogar damit, Patienten zu töten).[12]
  • Gefahr der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung: Die häufigsten Gründe, warum Menschen mit Behinderung Beihilfe zum Suizid beantragen, sind nicht Schmerzen, sondern stehen in direktem Zusammenhang mit unzureichender Unterstützung und Dienstleistung zur Bewältigung ihres Alltags[13] (NCD-Studie, USA).
  • Schlag gegen die Suizidprävention: Psychiater weisen darauf hin, dass die überwiegende Mehrzahl der Fälle vollendeter Suizide von psychisch erkrankten Menschen begangen werden. Gerade in so einer Krisensituation bräuchten Suizidale ein ihnen „zugewandtes Gegenüber“[14], die deutsche Stiftung Depressionshilfe weist darauf hin, dass Depressionen bei älteren Menschen deutlich unterschätzt werden.[15]

 

[1] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/54769/Niederlande-legalisieren-Sterbehilfe-bei-todkranken-Babys

[2] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-10/niederlande-sterbehilfe-ohne-krankheit-alter-den-haag

[3] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/88797/Hollaendische-Sterbehilfe-Kontrolleurin-tritt-aus-Protest-zurueck

[4] https://m.faz.net/aktuell/politik/ausland/niederlande-gericht-gestattet-aktive-sterbehilfe-von-demenzkranken-16735260.amp.html

[5] https://www.nrc.nl/nieuws/2020/01/30/praat-met-mensen-over-hun-wens-om-te-sterven-a3988728

[6] https://en.wikipedia.org/wiki/Euthanasia_in_the_Netherlands, http://www.drze.de/im-blickpunkt/sterbehilfe/module/steigende-tendenz-der-sterbehilfe-faelle-in-den-niederlanden

[7] http://www.drze.de/im-blickpunkt/sterbehilfe/module/sterbehilfe-fuer-minderjaehrige

[8] https://www.imabe.org/imagohominis/imago-hominis-2/2018/niederlande-proteste-gegen-die-immer-laxer-gehandhabten-euthanasie-regeln-mehren-sich

[9] https://www.nw.de/nachrichten/panorama/22683387_Gericht-erlaubt-Sterbehilfe-bei-psychischer-Krankheit.html

[10] https://www.imabe.org/newsarchiv/2007/februar/euthanasie-schweiz-will-suizid-beihilfe-bei-psychisch-kranken-erlauben

[11] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/88797/Hollaendische-Sterbehilfe-Kontrolleurin-tritt-aus-Protest-zurueck

[12] Journal of Medical Ethics (2019); 45: 425-429, https://jme.bmj.com/content/45/7/425

[13] Studie des US-amerikanischen National Council on Disability (NCD), https://ncd.gov/sites/default/files/NCD_Assisted_Suicide_Report_508.pdf

[14] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/das-verfassungsgericht-prueft-beschwerden-zur-sterbehilfe-16410624.html

[15] https://www.deutsche-depressionshilfe.de/presse-und-pr/downloads

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