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Sterbehilfe-Schicksale
19. August 2020
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Oft erschließt sich die Wirklichkeit am besten durch persönliche Geschichten. Deswegen habe ich hier einige Schicksale von Menschen dokumentiert, die aufgrund geltender gestzlicher Regelungen in manchen Staaten, zur Euthanasie gedrängt wurden oder in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg sahen, als ihr Leben frühzeitig zu beenden.
Diese Geschichten führen uns drastisch vor Augen, wie schnell ältere und kranke Menschen unter Druck geraten, ihr Leben zu beenden, um nicht zur Last zu fallen, ist die Beihilfe zum Suizid sowie die aktive Sterbehilfe erst einmal legalisiert.

Die 42-jährige Natalie Jarvis, Kanada, erfuhr, dass sie eine Lungentransplantation brauchte, für die sie innerhalb weniger Wochen 10.000$ aufbringen musste. Obwohl sie um ihr Leben kämpfen wollte, entschied sie, dass diese finanzielle Bürde zu viel für ihre Familie wäre. Der einfachere Ausweg schien assistierter Suizid. Die Lungenfachärztin Dr. Meredith Chiasson (Halifax) bestätigte, dass viele ihrer Patienten ähnlich reagierten. Dr. Chiasson dazu: „Wenn eine Vierzig-Jährige lieber stirbt als jemanden um Geld zu bitten, ist es schwierig, am Ende eines Arbeitstages nach Hause zu gehen und sich gut zu fühlen.“ Mit der Hilfe ihrer Ärztin gelang es Natalie Jarvis schließlich doch, die finanziellen Mittel für die Transplantation aufzubringen. https://www.cbc.ca/news/canada/nova-scotia/lung-transplants-atlantic-canada-toronto-financial-cost-1.5047818

Frank Van den Bleeken hat mehrere Frauen brutal vergewaltigt und eine dabei getötet. Nun sitzt er in einem belgischen Gefängnis und wünscht sich einen assistierten Suizid, also Beihilfe zum Selbstmord. In Belgien ist das legal: „Was soll ich denn tun? Hier sitzen und warten, bis ich verrecke?“, so Frank Van den Bleeken. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnte vor einer schleichenden Ausweitung der Euthanasie: „Wird der Anspruch auf Tötung legalisiert, schafft sich das Angebot immer mehr Nachfrage. Anfangs enge Kriterien werden von Fall zu Fall ausgeweitet. Die Ausnahme wird schleichend zur Regel.“ Die Organisation hat Recht: Unmittelbar nach Bekanntwerden der tödlichen Genehmigung für Van den Bleeken beantragten 15 weitere Häftlinge aus belgischen Strafvollzugsanstalten ebenfalls, euthanasiert zu werden. Frank wurde die Tötung vorerst zugestanden – denn welchen Sinn hätte so ein Leben? Fünf Tage vor der geplanten Sterbehilfe wurde die Euthanasie vom Justizminister jedoch gestoppt. Weiterlesen: https://www.independent.co.uk/news/world/europe/murderer-granted-right-to-euthanasia-rather-than-rot-in-belgian-prison-9736508.html?fbclid=IwAR3YGV7zvDaIZvyj5RmK6kKfIp3rWKwjc4isN_7FqR4oeHPx8LWFVpJ925w

R.I.P. Archie Rolland: Der Kanadier nahm assistierten Suizid in Anspruch, nachdem er die Behandlung in dem Krankenhaus als „unerträglich“ und „unmenschlich“ beschrieben hatte. Die Familie hatte sich zuvor mehrfach über Mängel in der Pflege beschwert.
Weiterlesen: https://montrealgazette.com/news/local-news/saying-goodbye-to-archie-rolland

R.I.P. Godelieva De Troyer. Durch einen unerwarteten Anruf aus dem Krankenhaus erfuhr der Belgier Tom Mortiers, dass seine Mutter Godelieva von ihrem Arzt eine tödliche Injektion verabreicht bekommen hatte, nachdem die Frau, die schon lange unter Depressionen litt, gerade eine besonders schwierige emotionale Phase und eine Trennung hinter sich hatte. Die Familie wurde nur nachträglich informiert. Der Arzt begründete seine Entscheidung damit, dass die Depression “nicht behandelbar“ war. Tom traf sich mit dem Arzt und warf ihm laut “The New Yorker” vor: “‘You went along with the madness of my mother! You went along with her tunnel vision, her defeatism. You’ve just taken away the suffering of one person and transposed it to another!’” („Sie haben einfach bei ihrer Verrücktheit mitgemacht, ihr Aufgeben und ihren Tunnelblick mitgetragen. Sie haben das Leiden einer Personen weggenommen und es auf eine andere übertragen.“) Weiterlesen: https://www.newyorker.com/magazine/2015/06/22/the-death-treatment?fbclid=IwAR0P8LfehV0kRg0WUxPEHXzS-m2Qe0PppIjnz34t82qBJBOTHF74AcsKKD4

R.I.P. Arleen Reinsborough: Die Angst vor unmenschlichen Bedingungen im Altersheim bewog die 75-jährige Kanadierin Arleen, assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen: “Nicht wegen einer Depression möchte ich sterben, sondern weil ich Angst habe in unmenschlichen Bedingungen, in einem überbelegten Altersheim, einsam und ohne Hoffnung zu sterben.” Ihr Ehemann dazu: “Die Pflegedienste geben uns wenige Möglichkeiten: Entweder sieht man seiner Frau zu wie sie leidet oder wie sie stirbt…“ Auf der Warteliste für ein gutes Heim standen 1.717 Menschen – das billigste Zimmer kostete $1.848 pro Monat. In Österreich können wir das besser! “We’ve lost our compassion for seniors,” sagte sie vor ihrem Tod, „We’re not cute. Some people say we also smell. Well, so did they when they were babies.” Die Gerontologin Margaret Denton bestätigt das: Viele ältere Menschen fühlen sich so und haben Angst davor, ein Pflegefall zu werden.

Die Behindertenaktivistin Mag. Marianne Karner sagte während der Parlamentarische Enquetekommission zum Thema Lebensende (2015): „Ich leide nicht an meiner Erkrankung, sondern ich leide an der Ablehnung und Diskriminierung durch die offensichtlich Gesunden. Ich will kein Mitleid, keine falschen Zuschreibungen von außen und erst recht keine vorzeitige billige Fahrkarte ins Jenseits. Ich will ganz einfach leben! So wie mir geht es auch sehr vielen anderen behinderten, kranken Menschen. Die Positionen von BIZEPS kurz und bündig: Gegen aktive Sterbehilfe und gegen assistierte Selbsttötung […] Für den inklusiven Ausbau im Palliativ- und Hospizwesen.[…] Aktive Sterbehilfe und Selbsttötung werden fälschlicherweise mit „Selbstbestimmung“ und „frei verantwortlicher Entscheidung“ gleichgesetzt. Das ist ein großer Irrtum, das zeigt zum Beispiel die historische Aufarbeitung der jahrzehntelangen Entwicklung der Sterbehilfe in den Niederlanden. „Nichts über uns ohne uns!“ – Dieses Motto der „Selbstbestimmt Leben“-Bewegung ist auch hier von großer Bedeutung. Behinderte Menschen müssen bei der Thematik „Würde am Ende des Lebens“ auf Augenhöhe und viel stärker mit einbezogen werden. […] Menschliches Leben ist immer würdig. Es gibt nur unwürdige Umstände, und diese können wir, diese können Sie, werte Abgeordnete, ändern und verbessern.“

Der Palliativmediziner Eric Vermeer berichtet von einer Krankenschwester, die ihrem kranken Mann versprochen hatte, ihn durch Euthanasie zu töten, ohne ihn darüber zu informieren, wann es geschehen würde. Rückblickend bereute sie zutiefst, ihren Ehemann ohne Verabschiedung durch Euthanasie getötet zu haben und dass sie an der Tötung eines Menschen mitgewirkt hatte. Sie sagte darüber: „An diesem Tag sind wir beide gestorben, mein Mann physisch und ich psychisch.“ Ansehen auf Französisch mit englischen Untertiteln: https://www.youtube.com/watch?v=Wq5Iefs274o&feature=emb_rel_pause

In einer E-Mail schrieb mir Frau E.: „Seit acht Jahren besuche ich ehrenamtlich Bewohner in verschiedenen Altersheimen in Österreich und durfte schon mehrmals Sterbebegleitung machen. In all dieser Zeit bin ich nur einer einzigen Person begegnet, die unbedingt sterben wollte und schließlich auch ganz allein einen Weg gefunden hat.“ Leben helfen, nicht sterben helfen, ist unsere Devise!

Dipl.-Ing. Helmut Strobl, ehem. Obmann des Hospizvereins Steiermark: „Das Verlangen nach Sterbehilfe ist überhaupt nur der Wunsch nach Beendigung eines menschenunwürdigen Zustandes und in Wirklichkeit nicht der Wunsch, tatsächlich zu sterben. – Das ist die Erfahrung all unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“

Theo Boer, Professor für Medizinethik, der 10 Jahre als Mitglied des belgischen Euthanasia Review Committee, der 4.000 Euthanasie-Fälle bearbeitet und mitentschieden hat: „Ursprünglich wollten wir den Menschen vor einem schrecklichen Sterben bewahren. Inzwischen wollen wir ihn von einem schrecklichen Leben erlösen. Da hat sich etwas verschoben.“ (…) „Meine Vorstellung war, was man reglementiert, hat man im Griff. Das hat sich nicht bewahrheitet. Vielmehr hat sich gezeigt: Wenn man eine umstrittene Praxis legalisiert, stellt man sie in einem Schaufenster aus als Warenangebot. Ich habe feststellen müssen, dass das Angebot zum Teil tatsächlich die Nachfrage weckt.“ Gesamtes Interview: https://www.zeit.de/2020/10/theo-a-boer-aktive-sterbehilfe-ethik

Derek Ross, Jurist, Kanada: “Was wir in Kanada gelernt haben, ist, dass es nahezu unmöglich, die Euthanasie auf Ausnahmen zu beschränken. Mit der Zeit empfindet man jede Einschränkung als diskriminierend oder willkürlich. Wenn man Euthanasie als einen mitfühlenden, würdigen Weg sieht, Leiden zu beenden, warum dann nur für physischen und nicht auch für psychischen oder existentiellen Schmerz? Psychisches Leiden spielt in 95% der Euthanasie-Fälle in Quebec.”
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