Jedes Jahr beschert uns einen neuen Negativrekord – noch weniger Kinder. 2025 betrug die Geburtenrate in Österreich 1,29. Dahinter liegen die stark steigende Kinderlosigkeit (Industrienationen bis zu 38,5 %) sowie die relativ niedrige – wenn auch über dem Bestandserhaltungsniveau liegende – Kinderzahl von 2,25 pro Mutter (ebenda).
Das brachte die US-Wirtschaftsjournalistin Catherine Pakaluk zur Frage, warum sich jene, die fünf oder mehr Kinder haben, für dieses so stark abweichend wirkende Lebensmodell entschieden hatten. Für ihr Buch „Hannah’s Children” interviewte sie Dutzende Mütter mit fünf oder mehr Kindern. Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse: Nicht nur Eltern formen den Charakter eines Kindes. Vieles davon leisten die Geschwister.
In großen Familien entsteht Charakterbildung fast nebenbei – durch geteilte Zimmer, kleine Streitereien, die gelöst werden müssen, ältere Kinder, die ganz selbstverständlich Verantwortung für die Jüngeren übernehmen. Wie schon Aristoteles wusste: Tugend entsteht durch Gewohnheit – man lernt es, indem man es tut. Moralische Erziehung ist ein Nebenprodukt des Familienalltags einer Großfamilie – in Kleinfamilien ist sie ein aufwendiges Erziehungsziel.
Besonders bemerkenswert: Mehrere Mütter berichteten unabhängig voneinander, wie ein neues Baby einen Teenager aus einer Krise holte – besser, als jede Therapie es geschafft hatte. So erzählt Pakaluk von einer Großfamilienmutter mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen: „Was auch immer die Therapeutin als Übung aufgab, hängte die Mutter für die ganze Familie sichtbar aus. Musste das Baby zum Training der Oberkörpermuskulatur gedreht werden, drehte ihn einfach, wer gerade vorbeikam. Tag und Nacht. Die Therapeutin war sehr beeindruckt von seinen Fortschritten.”
Die Autorin zog daraus einen Schluss zur aktuellen Debatte über die Jugend: An der sozialen Isolierung sind nicht nur die Bildschirme schuld. Es fehlen auch die Geschwister. „Quantität ist bei Menschen eine eigene Qualität.” Man entscheidet sich für weniger Kinder, um dem einzelnen mehr geben zu können – und merkt am Ende, dass man ihm gerade dadurch am meisten vorenthält.
Pakaluks Rat an Eltern: Denkt darüber nach, ein weiteres Kind zu haben – und am besten nicht während der ersten, anstrengendsten Jahre mit kleinen Kindern. Diese sind der schlechteste Zeitpunkt, um zu entscheiden, wie groß die Familie werden soll.
Catherine Pakaluk „Hannah’s Children“ auf Amazon: https://www.amazon.de/Hannahs-Children-Quietly-Defying-Dearth/dp/1684514576
Catherine Pakaluk „Life is Better with Siblings”, New York Times (29. Juni 2026): https://www.nytimes.com/2026/06/29/opinion/siblings-families-shrinking.html
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