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Podiumsdiskussion: Rolle der Religionen in einer Friedenslösung für die Ukraine
4. Mai 2022
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Auf einer Podiumsdiskussion mit Taras Chagala, Pfarrer der Ukrainisch-katholischen Kirche, Adrej Ćilerdžić, Bischof der serbisch-orthodoxen Diözese Österreich-Schweiz-Italien, Dr. Afsar Rathor, Experte in der Versöhnungsarbeit zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda, und Dzemal Sibljakovic, Iman der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), besprachen wir die friedensstiftende Rolle von Religionen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine.
Nationalismus und der Missbrauch geistlicher Macht sind eine Karikatur des Evangeliums. Gelebter Glaube bringt Frieden.
Über das Symposion berichtete die kath-Press in einer umfassenden Aussendung:

Symposion: Riss durch Orthodoxie für Osteuropa höchst gefährlich

Österreich/Ukraine/Krieg/Religion/Orthodoxie

“Coalition of Faith-Based Organizations” lud Vertreter der Religionen zu Podiumsdiskussion über mögliche Friedenslösungen für die Ukraine
Wien, 03.05.2022 (KAP) Auf die Suche nach Friedenslösungen für die Ukraine haben sich Montagabend in Wien Vertreter der Religionen gemacht. Eingeladen hatte dazu die “Coalition of Faith-Based Organizations” (CFBO, “Koalition glaubensbasierter Organisationen Österreich”). CFBO-Präsident Elmar Kuhn bedauerte eingangs, dass die Russisch-orthodoxe Kirche die Einladung zu dieser Podiumsdiskussion nicht nur nicht angenommen hatte, sondern dass es überhaupt keine Antwort darauf gab. Der Riss, der seit Jahren durch die Orthodoxie gehe, sei höchst gefährlich und spalte die Gesellschaften Osteuropas, warnte Kuhn. Er rief die Orthodoxie zur Einheit und zum gemeinsamen Gebet und Einsatz für den Frieden auf.

Er hoffe zumindest, so Kuhn weiter, dass die Russisch-orthodoxe Kirche jene Aussage ihres Patriarchen Kyrill ernst nehme, der zu Kriegsbeginn alle “Seiten des Konflikts” aufgefordert habe, zivile Opfer zu vermeiden. Wie Kuhn sagte, sei damit keine Verharmlosung der sonstigen Positionen des Moskauer Patriarchen verbunden, doch man wolle bei dieser Diskussion keine Schuldzuweisungen machen, sondern Wege der Konfliktlösung suchen. Insofern gelte es, alle positiven Stimmen aufzugreifen.

Der Wiener serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) hatte sich unmittelbar nach Kriegsbeginn als einziger serbisch-orthodoxer Bischof deutlich gegen den russischen Einmarsch in die Ukraine ausgesprochen und den “mörderischen Überfall” verurteilt. Bei der Podiumsdiskussion bekräftigte er seine Einstellung, zeigte zugleich aber auch Verständnis für seinen russisch-orthodoxen Amtskollegen in Wien, Bischof Aleksij (Zanochkin).

Er habe den Bischof zuletzt mehrmals getroffen, so Cilerdzic, der auch als Gast am russischen Ostergottesdienst in Wien teilgenommen hatte. Er habe den Eindruck, dass der russische Bischof “unsere Hilfe braucht”. Dieser müsse sich strikt an die Vorgaben der Moskauer Kirchenleitung halten, sonst werde er abgesetzt. Er halte Bischof Aleksij aber grundsätzlich für einen sehr vernünftigen Bischof.

Der Wiener ukrainische griechisch-katholische Pfarrer Taras Chagala berichtete von unendlich vielen menschlichen Leidensgeschichten und fügte hinzu: “Das alles muss klar benannt werden.” Gewalt und Mord seien in keiner Religion erlaubt, betonte der Priester weiter und sagte, dass sich viele Orthodoxe in Österreich von der Russisch-orthodoxen Kirche abgewendet hätten und nun andere orthodoxe Kirchen oder sogar die griechisch-katholische Gemeinden besuchen.

In Russland regiere die Lüge. Die Menschen in Russland würden verfolgt, wenn sie aussprechen, dass ihr Land einen Krieg führt. Insofern gebe es auch in Russland Verfolgung, so der Geistliche. In der Ukraine würden die Menschen leiden, aber sie könnten zumindest frei reden. Von einem Treffen von Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill erwartete sich Pfarrer Chagala wenig bis nichts: “Nur schöne Worte, das hilft nichts.”

Die ÖVP-Menschenrechtssprecherin im Nationalrat, Gudrun Kugler, würde es hingegen begrüßen, wenn es zu einem Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill käme. Bei allem Verständnis für die Frust der Ukrainer müsse man jede mögliche Chance ergreifen. Kugler betonte zugleich, dass die Verbindung von weltlicher und kirchlicher Macht, wie sie in Russland gerade überdeutlich ist, im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren habe. Große Anerkennung zollte sie den Kirchen und Religionen für ihre Hilfsmaßnahmen für die Menschen in Not in der Ukraine und auf der Flucht.

Imam Dzemal Sibljakovic von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich betonte, dass die Religionen viel stärker noch ihre je eigenen Friedenskompetenzen aufleben lassen sollen. Gerade in Kriegszeiten dürfe man die Orientierung nicht verlieren. Für einen gläubigen Muslimen sei klar, dass zur Vollkommenheit des Glaubens unabdingbar Liebe und Friede gehörten.

Der UNO-Experte Afsar Rathor berichtete schließlich u.a. von seinen Erfahrungen vom Völkermord in Ruanda, wo innerhalb von 100 Tagen eine Million Menschen ermordet wurden, und wie man sich danach trotz allem um Vergebung, Versöhnung und einen Neuanfang bemühte.

Die “Coalition of Faith-Based Organizations” wurde im Oktober 2019 als interreligiöser Verein konstituiert. Vereinsziel ist der Einsatz für Erziehung zum Frieden und gegen Korruption. Vor allem am UNO-Standort Wien will die CFBO in enger Zusammenarbeit mit dem UN-Büro für Verbrechensbekämpfung (UNODC) und anderen UN-Behörden religiöse Werte und Erfahrungen in die Gestaltung und Umsetzung von Aktivitäten der Vereinten Nationen einbringen.

Dem breit aufgestellten Vorstand der CFBO gehören Vertreter zahlreicher Kirchen und Religionen an; darunter der altkatholische Bischof Heinz Lederleitner, der syrisch-orthodoxe Chorepiskopos Emanuel Aydin, der armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan, der Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, Gerhard Weißgrab, Rabbiner Schlomo Hofmeister und Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralkomitees der Muslime Deutschlands. Dazu kommen eine Reihe von Expertinnen und Experten aus den Bereichen Wissenschaft und Kultur.

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