„Wir sprechen aus Sorge“ – Diskussion zu Geschlechtsidentität und Menschenrechte im Parlament
2. Oktober 2026
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„Wir sprechen aus Sorge“ – Diskussion zu Geschlechtsidentität und Menschenrechte im Parlament

Klare Worte, viele persönliche Einblicke und eine lebhafte Debatte: Am Donnerstag, 1. Oktober 2026, luden Campus Tivoli, der Parlamentsklub der Volkspartei und das Athena Forum zu einem Austausch- und Diskussionsabend ins Parlament. Das Thema: „Politik im Spannungsfeld zwischen Geschlecht, Geschlechtsidentität und Menschenrechten“. Ziel war eine sachliche, evidenzbasierte Einordnung der europäischen Entwicklungen im Bereich Geschlechterfragen und ihrer Auswirkungen auf Österreich. 

Nach der Begrüßung durch Campus Tivoli – Präsident Wolfgang Sobotka hielt Prof. Wolfgang Mazal, Wissenschaftlicher Direktor des Österreichischen Instituts für Familienforschung, die Keynote. Im Anschluss durfte ich das Panel moderieren, auf dem Prof. Mazal, die Fachärztin für Psychiatrie und Psychoanalytikerin Dr. Bettina Reiter, eine Vertreterin der Elterninitiative ROGD-Österreich und die eh. Abg. z. NR und Gründerin des Athena Forums Faika El-Nagashi ihre Perspektiven einbrachten.

Eine inhaltlich sehr engagierte Grußbotschaft von Jugend- und Familienministerin Claudia Bauer eröffnete den Abend (im Wortlaut siehe weiter unter).

Normieren, nur wo es nötig ist: Prof. Mazal begann mit einer bewusst zugespitzten Frage: Was geht die Politik das Thema Geschlechter überhaupt an? Geschlecht hat für die Identität eine existenzielle Bedeutung, für die Selbstwahrnehmung ebenso wie für die Fremdwahrnehmung. Ob wir Rollen wollen, ist offen, Normen braucht es jedenfalls. Die eigentliche Frage ist, wer normieren darf und was Moral bedeutet. „Mos“ heißt im Lateinischen ursprünglich Lebensweise. Es geht also darum, wie wir miteinander leben wollen.

Im Zentrum stehen für Prof. Mazal Grundrechte wie die Meinungsfreiheit, Kinder- und Elternrechte und der Schutz vor Diskriminierung auf der anderen Seite. Das Verhältnismäßigkeitsprinzip gibt der Judikative dabei viel Kraft und einen großen Ermessensspielraum. Die Grundrechtspositionen der anderen darf man nicht verraten, das wäre undemokratisch. Sein Fazit: Nicht zu normieren ist unmöglich – aber nur in jenem engen Bereich, wo dies nötig ist. Gefühle, Kleidungsstile und sonstige Vorlieben gehen den Staat nichts an.

Begleiten statt vorschnell bestätigen: Dr. Bettina Reiter, Fachärztin für Psychiatrie und Psychoanalytikerin, kritisierte, dass Geschlechtsdysphorie in Institutionen oft wie eine Bagatelle behandelt wird. Die affirmierende Haltung schaffe mehr Probleme, als sie löse: Weit über drei Viertel der betroffenen Jugendlichen haben auch andere psychische Probleme. Junge Menschen solle man begleiten „wie immer”: zuhören, nicht urteilen, verstehen, was dahintersteckt. Das braucht Zeit und Geduld. Die bestehenden Beratungsstellen erlebt sie als einseitig, für sie ein gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Skandal.

Die Perspektive der Eltern: Besonders bewegend war der sehr persönliche Beitrag der Vertreterin der Elterninitiative ROGD-Österreich. Ihre transidentifizierte, minderjährige Tochter durchlief eine Reihe von Institutionen – Schule, Sozialarbeit, Kinder- und Jugendhilfe, Therapie, die ihr allesamt affirmativ begegneten. Diese wünschte sich schließlich, nachdem alle diagnostischen Schritte durchlaufen waren, eine Hormonbehandlung in Vorbereitung der Änderung ihrer körperlichen Erscheinung (Transition). Da die Mutter sich dagegenstellte, entzog ihr letztlich das Familiengericht die Obsorge. Nach dramatischen Jahren plötzlich der Wandel: Von einem Tag auf den anderen wollte die Tochter kein Mann mehr sein und von trans überhaupt nichts mehr hören. Die Entwicklungsphase endete so plötzlich wie sie begonnen hatte. 

Die Elterninitiative, die viele ähnliche Geschichten kennt, fordert daher: keine medizinischen Eingriffe vor dem 25. Lebensjahr, ergebnisoffene statt affirmative (= also eine das Gefühl im falschen Körper zu sein bestätigende) Therapie und Beratung sowie überarbeitete, der Evidenz entsprechende Behandlungsrichtlinien.

Drei Gesetzesvorhaben im Fokus: Faika El-Nagashi, eh. Abgeordnete, Direktorin und Gründerin des Athena Forum, zeigte, wie weit das Thema reicht: vom Bildungsbereich über Sozialarbeit und Kinder- und Jugendhilfe bis zur Justiz. Konkret warnte sie vor drei Vorhaben:

  • einem Selbstbestimmungsgesetz, das den Personenstandswechsel per Sprechakt ermöglicht (wie z.B. in Deutschland),
  • Verboten von „Konversionstherapien” auf der Basis von Geschlechtsidentität, die auch Eltern, Großeltern oder Lehrkräfte kriminalisieren könnten,
  • verschärften Gesetzen gegen Hass, die etwa Misgendering oder das Eintreten für Frauenräume strafbar machen könnten.

Österreich sei von einer Selbstbestimmungsregelung de facto nicht weit entfernt. Wählerinnen und Wähler sollten wissen, wie die Parteien dazu stehen. „Frauen brauchen Räume – zum Schutz und darüber hinaus. Auch in Österreich sind diese Räume nicht sicher.“

Begriffe schärfen, Politik in die Pflicht nehmen: Prof. Mazal plädierte für begriffliche Klarheit: Man müsse zwischen dem für den Staat relevanten biologischem Geschlecht und privaten sozialen Ausdrucksformen, die den Staat nichts angehen, unterscheiden. Einen Personenstandswechsel „einfach so” wie in Deutschland hält er für eine Fehlentwicklung. 

Kontroverse im Publikum: Nicht alle Anwesenden teilten die Einschätzungen des Podiums, was die Diskussion zusätzlich bereicherte. Ein Arzt kritisierte das Podium als einseitig und verwies auf Studien zu positiven Effekten von Hormonbehandlungen, die wiederum von einem anderen Arzt widerlegt wurden. Eine Therapeutin betonte, niemand werde zwangsbehandelt. Andere dankten ausdrücklich dafür, dass diese Sicht im Parlament Gehör fand. Dem Vorwurf der Einseitigkeit hielt das Podium entgegen, die Veranstaltung sei öffentlich ausgeschrieben gewesen und diese Perspektive sei jahrelang kaum gehört worden.

Fazit: Zum Abschluss plädierte Wolfgang Sobotka dafür, Gesetze nicht nach Emotionen, sondern nach Evidenz zu machen, einer Evidenz, die Kinder und Elternrechte schützt. Der Abend hat gezeigt: Die Debatte ist emotional aufgeladen, aber sie ist im Parlament angekommen. Und sie wird weitergehen. Wir werden uns weiterhin für den Schutz von Kindern und Jugendlichen und das Mitspracherecht der Eltern stark machen! 

Videobotschaft von Jugend- und Familienministerin Claudia Bauer

“Sehr geehrte Damen und Herren, dieser Abend versucht etwas, das mittlerweile selten geworden ist: nämlich über ein Thema zu sprechen, bei dem schon einfache Fragen als Tabu gelten. Worum geht’s?

Fragen von Geschlecht und Geschlechtsidentität sind heute ganz offensichtlich keine Randfragen mehr. Sie berühren den Schutz von Kindern und Jugendlichen, sie berühren Frauenrechte, und sie berühren die Freiheit, offen zu sprechen und Wahrheiten zu benennen. Für mich gelten dabei drei Dinge.

Erstens: Die Würde jedes Menschen steht nicht zur Debatte. Nicht bei uns. Menschen, die mit ihrem Geschlecht und ihrer Identität ringen, gibt es. Es hat sie immer gegeben. Aber wer mit seiner Identität hadert, braucht jemanden, der zuhört und Halt gibt. Und er braucht jemanden, der Fragen beantwortet und Fragen stellt. Was er oder sie nicht braucht, ist jemand, der diese Unsicherheit zusätzlich befeuert und in eine Richtung treibt.

Zweitens: Kinder und Jugendliche brauchen einen besonderen Schutz, gerade in Phasen, in denen sie unsicher sind. Die Pubertät ist so eine Phase der Unsicherheit. Das war sie bei jedem von uns. Was Kinder und Jugendliche da brauchen, ist Zeit und Begleitung – durch Freunde, durch Lehrerinnen und Lehrer, durch Eltern. Und ja, das kann manchmal auch professionelle Begleitung sein. Das funktioniert aber nur, wenn Eltern auch eingebunden und nicht übergangen werden. Und falls dann Entscheidungen getroffen werden, müssen sie auf Basis von wissenschaftlicher Evidenz getroffen werden, nicht auf Basis von Stimmungen und sicher nicht auf Basis von Identitätspolitik.

Und drittens: Wir brauchen eine Debattenkultur, die das aushält. Wer Fragen stellt, ist nicht automatisch ein Gegner. Wer Rechte einfordert, ist nicht automatisch ein Ideologe. Das gilt gerade dort, wo Rechte aufeinandertreffen, zum Beispiel auch das Recht von Frauen auf Schutzräume – im Sport, in der Schule. Diese Schutzräume haben sich Frauen erarbeitet und erkämpft. Darüber muss man reden dürfen, die muss man verteidigen dürfen.

Manche halten schon die Fragen, die heute Abend gestellt werden, für Angriffe. Das ist vollkommen falsch. Respekt ist nicht Zustimmung. Respekt ist nicht blinde Bestätigung. Und genauso wenig ist Widerspruch Verachtung. Wer den Widerspruch nicht aushält, vertraut seinen eigenen Argumenten nicht.

Und lassen Sie mich einen letzten Punkt auch noch anfügen: Mehr als die Hälfte der jungen Menschen traut sich nicht mehr, Themen offen anzusprechen, die sie beschäftigen. Was sagt das über unsere Gesellschaft, über unsere Demokratie, über die Meinungsfreiheit aus?

Und ganz in diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute eine offene, eine sachliche und vor allem eine spannende Diskussion.”

© Büro Kugler

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